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Wissenschaft:Warum 40 Dollar für eine Publikation ausgeben, wenn man die Informationen auch umsonst bekommt?

"Für einige Journale ist der Preis um acht bis zehn Prozent gestiegen", sagt Berghaus-Sprengel. "Und zwar jedes Jahr." Die Budgets der Universitäts- und Institutsbibliotheken kommen da nicht mehr mit. Der nationale Ansatz soll daher die Möglichkeit zum Open Access einschließen, sodass Forscher mehr Möglichkeiten haben zu publizieren. Und die Bibliotheken nicht noch mehr abonnieren müssen. Nur will Elsevier für Open Access weiter extra Geld. Und keine Pauschale, mit der auch die Veröffentlichung im Open Access abgegolten ist. Hindenburg kann das erklären: "Es sind einfach zwei vollkommen unterschiedliche Dinge."

Sind sie das wirklich? Man muss wissen, dass Fachjournale anders entstehen als etwa Tageszeitungen. Wissenschaftler schreiben ihre Studien selbst. Andere Wissenschaftler begutachten die Arbeiten unentgeltlich. Änderungen oder Ergänzungen werden von den Verfassern eingefügt. Zum Schluss zahlen andere Wissenschaftler Geld dafür, die Artikel lesen zu dürfen. Oder sie bekommen die Artikel im Open Access umsonst. Dafür zahlen dann aber die Wissenschaftler, die ihre Forschung publizieren. Man kann mit gutem Recht fragen, was Elsevier eigentlich macht, außer in jedem Fall das Geld einzustreichen. Man kann allerdings auch fragen, warum sich die Wissenschaft das gefallen lässt.

Vielleicht, weil man nie gezwungen war, etwas anderes auszuprobieren. Doch sechs Wochen Abstinenz haben gereicht, um die Macht der wissenschaftlichen Community zu verdeutlichen. Wer eine Arbeit braucht, bekommt sie, und zwar immer. Man fragt einfach einen Autor der Arbeit oder einen Kollegen - und es gibt die Fernleihe. "Das dauert zwar zwei Tage, aber wir haben damit auch kein Problem", sagt Reint Gropp, der sich bequem in seinem Stuhl zurücklehnt. Der Forscher ist Volkswirt und Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. Auch für seine Forschung ist Literatur notwendig, aber wie viele Fachgebiete hat die Wirtschaftswissenschaft ihre Besonderheiten.

"Jedes Papier, das wir einreichen wollen, erscheint zunächst als Working Paper, das für alle zugänglich ist", erklärt Gropp. Dieser Zwischenschritt verschafft den Ökonomen einen ähnlichen Vorteil wie die Pre-Print-Server, auf die etwa in der Physik unpublizierte Studien hochgeladen werden können. Es ist rohes Material. Aber es ist Material, in dem das Wichtigste drinsteht. Warum also 40 Dollar ausgeben für ein Einzelpaper, das man etwas weniger glatt auch umsonst bekommen kann? Warum überhaupt noch zahlen, wenn ohnehin die Wissenschaftler alle Arbeit machen?

Auch das Wissenschaftssystem hat einen Anteil an der Misere. Es verlangt stets Top-Publikationen

Für Stephanie Garling ist das nicht zuletzt eine Frage des Wissenschaftssystems selbst. "Wenn sie fünf bis sechs Publikationen in Topjournalen benötigen, um von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert zu werden, kommen sie an Elsevier oft nicht vorbei", sagt die Direktorin des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, ebenfalls in Halle. Man dürfe eben nicht nur auf die Verlage gucken, sondern müsse den Druck beachten, der aus der Forschung selbst komme, meint die Politikwissenschaftlerin. Auch Gropp bezweifelt deshalb, dass man in absehbarer Zeit auf die professionelle Publikation verzichten könnte. "Open- Access-Journale haben kein hohes Ansehen in der Wissenschaft", sagt Gropp.

Das muss so nicht bleiben, wenn sich Open Access etabliert. Und vielleicht passiert das schneller als gedacht: Am Dienstag wurde bekannt, dass die American Association for the Advancement of Science (AAAS) künftig sämtliche Artikel von Forschern, die von der Bill- und Melinda-Gates-Stiftung gefördert werden, Open Access publiziert. Bezahlt wird das aus der Tasche des ehemaligen Microsoft-Chefs. Und es ist keine Lappalie, denn die AAAS gibt unter anderem Science heraus, eines der zwei wichtigsten Journale der Welt. Es ist ein Schritt, über den man streiten wird, weil er Gates' Schützlingen in der Wissenschaft einen Vorteil einräumt. Aber es ist auch ein Signal, wie die Zukunft der wissenschaftlichen Publikation aussehen kann, nämlich offen. Und das mit oder ohne Elsevier.

Kommentar

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