Wissen:Wunderwerk der Natur

Das Ei gehört zu Ostern wie der Tannenbaum zu Weihnachten. In der Evolution der Tiere spielte es, schon lange bevor es Menschen gab, eine zentrale Rolle. Bis heute hat sich das Grundprinzip kaum verändert. Doch wie im Osternest gibt es auch in der Natur Eier in vielen Farben und Größen.

Von Tina Baier

Das ewige Rätsel, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei, ist eigentlich ganz einfach zu lösen. Das Ei natürlich! Dinosaurier legten schließlich schon Eier, lange bevor die Evolution das Huhn erfunden hat. Im Unterschied zu den Eiern des Haushuhns und anderen heute lebenden Vogelarten waren die Eier der Dinosaurier im Verhältnis zur Körpergröße ihrer Erzeuger allerdings erstaunlich klein. Offenbar können Eier nicht beliebig groß werden. Bei einer Größe von etwas mehr als 30 Zentimetern scheint Schluss zu sein. So groß waren die Eier des Elefantenvogels, der einst auf der Insel Madagaskar lebte. Wann genau der drei Meter große und 500 Kilogramm schwere Riesenstrauß ausstarb, ist nicht bekannt - letzte Exemplare sollen angeblich noch im 17. Jahrhundert gesichtet worden sein. Die Eier hatten einen Inhalt von neun Litern und das Gewicht von 190 Hühnereiern. Nach allem, was man weiß, sind es die größten, die je gelegt wurden.

Unter den heute lebenden Tieren hält der Strauß den Eiergrößen-Rekord. Seine Gelege sind etwa 15 Zentimeter lang und wiegen anderthalb Kilo. Die kleinsten Eier mit einer Größe von nur sechs Millimetern und einem Gewicht von einem halben Gramm legt die Bienenelfe, ein winziger Kolibri auf Kuba. Doch egal, ob groß oder klein, vom Huhn oder vom Dinosaurier: Alle Eier sind im Prinzip gleich aufgebaut: Sie haben einen großen Dotter, der dem Embryo als Nährstoffvorrat dient, und Eiklar, das Flüssigkeitsvorrat und Stoßdämpfer in einem ist. Das Ganze ist umgeben von einer festen Hülle, die entweder pergamentartig ist oder aus Kalk besteht. Damit sind Eier eine Art Überlebenskapsel, die alles enthalten, was ein Embryo braucht.

Erst die Erfindung dieses "amniotischen" Eis ermöglichte es Wirbeltieren, sich unabhängig vom Wasser fortzupflanzen. Die ersten, die sich vor etwa 360 Millionen an Land wagten, waren noch keine "Amnioten" und brauchten deshalb - ähnlich wie Amphibien noch heute - immer die Nähe des Wassers. Nur dort konnten sie ihren Laich ablegen und nur dort hatte der Nachwuchs, der die erste Phase seines Lebens als schwimmende Larve verbrachte, eine Chance zu überleben. Ohne das Ei, in dem genügend Flüssigkeit für den Nachwuchs eingeschlossen ist, wäre es den Wirbeltieren wahrscheinlich nie gelungen, das Wasser endgültig zu verlassen.

Für die Evolution der Wirbeltiere war die Erfindung des amniotischen Eis also so etwas wie ein Quantensprung. Doch bis heute ist die Eierproduktion für alle Amnioten, zu denen Reptilien, Vögel aber auch Säugetiere gehören, mit hohen Kosten verbunden. Für viele Vögel ist es eine Herausforderung, die für die Schale erforderliche Menge an Kalzium zusammenzubekommen. Die Weibchen stellen deshalb kurz vor dem Eierlegen oft ihre Ernährung um. Meisen und Goldhähnchen beispielsweise fressen kalziumhaltige Schneckenhäuser.

Wissen: Elefantenvogel, Strauß, Mensch, Huhn.

Elefantenvogel, Strauß, Mensch, Huhn.

(Foto: SZ-Grafik)

Obwohl alle Eier denselben Grundbauplan haben und denselben Zweck erfüllen, nämlich dem Embryo einen optimalen Start ins Leben zu verschaffen, sehen Eier doch sehr unterschiedlich aus. Und zwar nicht nur was die Größe angeht. Auch Farbe und Form sind ganz verschieden.

Die Farben haben oft den Zweck, die Eier bestmöglich zu tarnen. Die des Nandu beispielsweise sind gelblich, so dass sie in der Savanne, dem ursprünglichen Lebensraum der Laufvögel, vom gelblichen Gras kaum zu unterscheiden sind. Wachteleier sind bräunlich gesprenkelt, was sie auf Ackerböden und trockenen Wiesen, wo die Vögel brüten, so gut wie unsichtbar macht. Spechte machen sich dagegen nicht die Mühe, ihre Eier zu färben. Das ist schlicht nicht notwendig, da die weißen Eier dieser Vögel gut geschützt in Baumhöhlen liegen.

Doch warum haben Eier auch verschiedene Formen? Warum sind die von Seevögeln oft birnenförmig, die von Eulen dagegen rund und die von Kolibris elliptisch? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage gibt es nicht, dafür aber unzählige Theorien. Eine besagt, dass die Form mit dem Nistplatz zu tun hat. Die Birnenform der Seevogeleier soll demnach verhindern, dass der Nachwuchs beim kleinsten Stupser die nächste Klippe hinunterkugelt. Andere sehen einen Zusammenhang zwischen der Form und den Flugkünsten der Eltern oder der Sauerstoffversorgung des Embryos.

Das Ei, dieses Wunderwerk der Natur, ist und bleibt also rätselhaft.

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