bedeckt München 20°

Klimakolumne:Her mit dem Schnee

Blaumeise, Blau-Meise (Parus caeruleus, Cyanistes caeruleus), sitzt auf einem schneebedeckten Ast, Seitenansicht, Deuts

Blaumeise im Schnee, im Januar.

(Foto: McPHOTO/R. Mueller via www.imago-images.de/imago images/blickwinkel)

Große Teile von Deutschland sind gerade ziemlich verschneit. Gibt es das in Zukunft überhaupt noch? Marlene Weiß über den Winter - und was aus ihm wird.

Von Marlene Weiß

In München liegt seit Anfang Januar einigermaßen ununterbrochen Schnee. Falls Sie irgendwo in einer schneefreien Tiefebene leben und jetzt neidisch werden: Es ist nicht gerade meterhoher Pulverschnee, es schwankt eher zwischen mal pappig, mal matschig und mal nur dünne Puderschicht; am Donnerstag gab es einen interessanten styroporkügelchenartigen Schnee, wie im Theater. Aber es reicht immerhin für Schlittenfahren, zwischenzeitlich war sogar ein größeres Iglu drin. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel Schlitten gefahren bin, aber es muss eine Weile her sein, und was soll man sagen: Es ist herrlich. Und das, obwohl meine Kinder sich immer um den Lenkbob streiten.

Aus der Perspektive der Klimakrise gibt es unterschiedliche Reaktionen auf solche Wintereinbrüche. Die einen sagen: "Haha, alles verschneit und eiskalt, ist ja doch nicht so schlimm mit dem Klimawandel!" Das ist natürlich Unfug. Entscheidend ist die Durchschnittstemperatur, nicht einzelne Kältephasen, und die steigt und steigt. 2020 war in Deutschland mit 2,2 Grad mehr als während der Vergleichsperiode von 1961 bis 1990 das zweitwärmste je gemessene Jahr, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass 2021 wesentlich kühler wird.

Noch erschreckender finde ich persönlich, dass 2020 weltweit sogar ähnlich warm war wie das bisherige Rekordjahr 2016. Damals war das der dritte Rekord in Folge, binnen weniger Jahre war die Temperatur um mehrere Zehntelgrade in die Höhe geschnellt, angetrieben von einem extremen Exemplar des Klimaphänomens El Niño, ich weiß noch, wie schockiert wir seinerzeit auf die Daten schauten. Aber was 2016 noch extrem war, ist heute eben schon mehr oder weniger normal.

Aber es sollte hier ja um Schnee gehen. Mir begegnet immer wieder noch eine andere Reaktion auf solche Wintereinbrüche, und das ist große Wehmut: "Hachje, das ist bestimmt das letzte oder allermindestens das vorletzte Mal, dass es richtig Winter ist, bald ist das vorbei." Es gibt übrigens ein Fachwort für solche Gefühle: Solastalgie, die Trauer um eine vertraute Umwelt.

Im Winter sind die Temperaturschwankungen schon immer größer als im Sommer

Ich gebe zu, dass mir solche Gedanken auch nicht fremd sind. Aber es gibt einen Effekt, den ich in diesem Zusammenhang sehr tröstlich finde, und das ist die - schon immer - große natürliche Temperaturschwankung im Winter. Denn die Temperaturen zappeln in der kalten Jahreszeit deutlich mehr als im Sommer. Innerhalb von ein paar Jahren kann der eine Sommer mal drei, vier Grad wärmer sein als der andere. Zwischen dem extrem kalten Winter von 1962/63 aber, als sogar der Rhein zufror, und dem eher milden vier Jahre später liegen erstaunliche sieben Grad. Wenn man nur einzelne Monate betrachtet, sind die Unterschiede natürlich noch größer.

Das heißt: Auch bei rund zwei Grad Erwärmung in Deutschland kann regelmäßig ein Monat, sogar mal ein ganzer Winter unter dem Mittel des 20. Jahrhunderts liegen. So wie 2009/2010: 1,3 Grad zu kalt. Oder 2010/2011 mit 0,6 Grad unterm Schnitt, da lag in Berlin so viele Schnee: Man konnte skilanglaufen. Klar ist aber natürlich auch: Solche Episoden werden seltener, zumal es sein kann, dass die Schwankungsbreite künftig geringer wird. Ein Winter wie 1962/63 ist aus heutiger Sicht extrem unwahrscheinlich, dafür werden absurd warme Winter häufiger.

Der Grund für die großen Schwankungen liegt übrigens im Norden. Weil die Arktis im Winter kaum Sonne bekommt, ist der Temperaturunterschied zu mittleren Breiten in dieser Jahreszeit besonders groß. Das führt dazu, dass Änderungen in den Luftströmungen heftige Unterschiede machen können: die übliche Westströmung transportiert meist mildes Wetter vom Atlantik nach Europa, aber kippt die Lage, kann stattdessen eiskalte Nordostluft hereinkommen (so kam es übrigens, wohl unter Mitwirkung des Polarwirbels, zu den starken Schneefällen in Spanien).

Wie dem auch sei: An den kommenden Tagen soll es nochmal schneien, übrigens längst nicht nur in München. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Möge es Ihnen mehr Schnee als Solastalgie bringen.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können)

© SZ
Zur SZ-Startseite
Windraeder stehen am 16.11.2019 vor der untergehenden Sonne bei Straussfurt in Thueringen. search: Deutschland Germany T

Klimaschutz
:Zehn Jahre, die entscheiden

Mit diesem Jahr beginnt auch die dritte Dekade des Jahrhunderts - jener Abschnitt, in dem die Weichen für eine bessere Welt gestellt werden müssen. Kann das gelingen?

Von Michael Bauchmüller

Lesen Sie mehr zum Thema