bedeckt München 20°

Wie die Ehe hält:Liebe auf den ersten Riecher

Fast jede zweite Ehe scheitert, dennoch wagen Männer und Frauen immer wieder den Bund fürs Leben. Über gesundheitliche Spätfolgen, chronische Zweifel und stabiles Unglück in der Paarbeziehung.

Von Werner Bartens

Ursula Grabley und Oskar Sima in "Skandal in Budapest", 1933

Die ganz große Leidenschaft verblasst nach etwa vier Jahren. Das muss nichts Schlechtes sein.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Gerhart Hauptmann hatte einen realistischen Blick auf die Entwicklung, die etlichen Bindungen zwischen Männern und Frauen mit fortschreitender Dauer droht. "Gewisse Ehen halten nur in der Weise zusammen wie ineinander verbissene Tiere", konstatierte der Schriftsteller, der nach acht Ehejahren mit Marie Thienemann eine Beziehung zu Margarete Marschalk einging, die er elf Jahre später dann zu seiner zweiten Ehefrau nahm - um sie bald darauf mit einer 16-Jährigen zu betrügen.

Doch trotz Affären, trotz falscher Treueschwüre und der Aussicht auf verstreut herumliegende Socken ziehen Mann und Frau immer wieder in den Stellungskampf und lassen sich ihr Ja-Wort legalisieren. Und das, obwohl sie wissen, dass der Bund fürs Leben keineswegs immer ein Leben lang hält. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 387.000 Ehen neu geschlossen - aber auch fast 180.000 Ehen wieder geschieden. Wenn Paare sich scheiden lassen, tun sie dies nach durchschnittlich 14,4 Jahren Ehe. Wer es länger aushält, führt bereits eine "Langzeit-Ehe".

Da jedoch nicht nur Masochisten den Weg zum Standesamt einschlagen, muss die Ehe eine Anziehungskraft ausüben, die stärker ist als alle düsteren Prognosen, statistischen Ernüchterungen oder das Diktum von Oscar Wilde, wonach die Ehe lediglich der Versuch sei, "zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist".

Ist es der Hang zur Selbsterhaltung, der die Menschen in chronische Bindungen treibt? Wer verheiratet ist, lebt schließlich länger, wird seltener krank, ernährt sich ausgewogener und ist im Alter länger selbständig. Diese - statistisch gemittelten - Befunde gelten trotz der vielen Paare, die sich nur noch angiften oder gleichgültig nebeneinander her leben.

Ist auch nach Jahren noch tiefes Verständnis für den Partner vorhanden, gleicht die Ehe gar einem Wundermittel, das die Schmerzempfindlichkeit senkt und verheirateten Männern niedrige Blutdruckwerte beschert und vor Zwölffingerdarmgeschwüren schützt. Sollten Männer einen Bypass benötigen, bleibt dieser bei verheirateten länger geöffnet. Frauen, die sich geliebt wähnen, bekommen seltener Harnwegsinfekte, und an Schnupfen, Husten, Heiserkeit erkranken sie auch nicht so oft. Forscher haben sogar Hinweise dafür gefunden, dass die Prognose bei Brustkrebs besser ist, wenn sich Frauen beim Partner geborgen fühlen. Eine bessere Arznei zur Kostendämpfung könnte sich keine Krankenkasse ausdenken.

Wenig Sex und unsicherer Partner machen die Ehe

Trotzdem sind viele Menschen überfordert, im ersten Überschwang der Hormonwallungen den richtigen Partner zu finden, ihn an sich zu binden und lange zu behalten. Es gelingt ihnen nicht, diejenigen zu identifizieren, die nicht nur aktuell zum leidenschaftlichen Geliebten taugen, sondern auch gute Eltern und verlässliche Partner abgeben. Manchmal schließt sich das geradezu aus - wer auf den ersten Blick (und für die erste Nacht) attraktiv erscheint, ist oft für die Langstrecke nicht geeignet und macht sich wieder aus dem Staub, sobald der Müll runtergebracht werden muss.

Ein guter Test darauf, ob eine Bindung zwischen Mann und Frau haltbar ist, erfolgt unbewusst bereits in den ersten Momenten der Kontaktanbahnung: Wer sich nahekommen will, muss einander riechen können. Das klingt banal, ist aber entscheidend, denn wer sich gerne riechen mag, bleibt auch länger zusammen. Evolutionär ist dieses Auswahlkriterium sinnvoll, denn ein als attraktiv empfundener Geruch weist darauf hin, dass sich das Immunsystem des potenziellen Partners deutlich vom eigenen unterscheidet. Das bedeutet, dass sich ihre Abwehrsysteme in den Nachkommen mischen und diese widerstandsfähiger gegen diverse Keime sind.

Doch auch die richtige Duftnote garantiert noch keine stabilen Verhältnisse. Wissenschaftler haben daher untersucht, welches die Zutaten für haltbare Ehen sind und schnell festgestellt: um Glück geht es dabei eher nicht. Himmelhochjauchzende Begeisterung ist sogar so ziemlich das Letzte, was stabile Langzeitbeziehungen ausmacht - sondern eher: Wenig Sex, chronische Unzufriedenheit und unsichere Partner. Was sonst noch hilft, steht auch nicht unbedingt in den Fibeln für Beziehungsanfänger: Die richtige Größe. Und für Männer gilt: Öfter mal die Klappe halten.

Wer silberne oder gar goldene Hochzeit feiern will, sollte sich einen unsicheren Partner zulegen. Einen, der zögert und zweifelt. Einen, der ungern Entscheidungen trifft. Seine Angst davor, den anderen zu verlassen, ist so groß und die Zerrissenheit zwischen verschiedenen Möglichkeiten so quälend, dass eine Trennung gar nicht infrage kommt. Schlimmer als das bekannte Unglück ist für unsichere Menschen die Angst vor einer neuen, unbekannten Situation. "Ein unsicherer Mann und eine sichere Frau - das ist ein ziemlich haltbares Paket", sagt Julia Berkic vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik.

Wer lange mit seinem Partner zusammen bleiben will, sollte außerdem groß sein. Zumindest für Männer ist diese Äußerlichkeit hilfreich, denn entgegen anders lautender Gerüchte: Größe zählt für Frauen eben doch. Groß gewachsene Männer haben bessere Chancen bei Frauen. So sind kinderlose Männer im Durchschnitt deutlich kleiner als jene Männer, die Vater geworden sind. Auch unter Junggesellen finden sich überdurchschnittlich viele Männer von geringem Körperwuchs.

Große Männer jenseits der 1,90 Meter zweifeln außerdem weniger an der Treue ihrer Partner. Sie wissen schließlich, dass sie bessere Erfolgsaussichten bei Frauen haben und sich nicht sorgen müssen, plötzlich allein dazustehen. Große Männer gehen deswegen entspannter mit dem Gedanken an mögliche Rivalen um. Sie haben Größe. Aus dieser Großzügigkeit heraus halten die Beziehungen großer Männer meist länger.

Früh geschlossene Ehen sind glücklicher

Wissenschaftlich ist auch ein anderer Zusammenhang recht gut belegt: Sofern nicht jedes Interesse füreinander erloschen ist, können seltenere Intimkontakte in einer Langzeit-Ehe darauf hindeuten, dass sich beide Partner sicher geborgen fühlen und keiner ständigen Liebesbeweise bedürfen. Sie müssen nicht befürchten, dass einer die Beziehung verlassen wird.

Wer hingegen ständig miteinander ins Bett will, setzt die Partnerschaft eher aufs Spiel. Denn das ständig fordernde Verhalten spricht dafür, in emotionale Konflikte verstrickt zu sein oder chronisch unsicher, ob die Beziehung noch hält. Der permanente Wunsch nach Bestätigung kann jede Ehe zermürben. "Dauerhafte Sicherheit in der Partnerschaft und häufiger, guter Sex schließen sich aus", stellt die Psychotherapeutin Kirsten von Sydow von der Universität Hamburg lakonisch fest. Reden Paare von einer "neuen Phase der Partnerschaft" oder erklären, dass Sex "sowieso überschätzt" sei, ist klar, was gemeint ist: Sie sind in einem besonders tragfähigen Stadium ihrer Beziehung angekommen - oder stehen kurz vor der Trennung.

Den Mechanismus dahinter kennt die Wissenschaft als Coolidge-Effekt: Bei chronischen Paaren ist das körperliche Interesse aneinander nach vier Jahren weitgehend erloschen. Von wegen verflixtes siebentes Jahr - das vierte gilt es zu überstehen! Die sexuelle Gewöhnung führt dazu, dass die körpereigene Euphoriedroge Dopamin nur noch spärlich aus den Nervenzellen im Gehirn abgegeben wird. Die hormonelle Talfahrt ist der Grund dafür, dass sexuell immer weniger los ist: Die Lust aufeinander schläft ein. Oder sie richtet sich auf andere Objekte der Begierde.

Übrigens ist es keineswegs erwiesen, dass eine späte Hochzeit dazu führt, dass die Ehe glücklicher und stabiler ist. Im Gegenteil. Früh geschlossene Ehen verheißen offenbar große Zufriedenheit, zeigen wissenschaftliche Analysen. Demnach halten jene Ehen, die erst im höheren Alter eingegangen wurden, zwar im Mittel etwas länger - wahrscheinlich weil beide Beteiligten genau wissen, dass ihre Chancen auf dem Hochzeitsmarkt nicht mehr die besten sind, wenn sie sich trennen würden. Zufriedener sind die Menschen in spät geschlossenen Ehen allerdings nicht. "Schlechte Qualität", lautet das Urteil der Forscher von der University of Texas in Austin, die eine entsprechende Untersuchung geleitet haben. Wer jünger geheiratet hat - im Alter zwischen 22 und 25 Jahren -, erwies sich als glücklicher und ausgeglichener in der Ehe.

Konflikte sind keineswegs Gift für eine Ehe, denn dabei werden Gefühle füreinander ausgedrückt - auch wenn es sich dabei zumeist um negative Gefühle handelt. Immerhin signalisiert der Streit, dass man sich noch nicht gleichgültig ist und nicht mal mehr die Kraft aufbringt, sich über den Anderen zu ärgern. Wenn eine zuvor intensiv-laute Beziehung plötzlich leise wird und niemand mehr mit der Faust auf den Tisch haut und den Partner anbrüllt, dann ist die Beziehung ernsthaft in Gefahr, weil dann nicht mal mehr die gegenseitige Aggression verbindend wirken kann.

Trennung droht - doch bald danach stürzen sich die Menschen in die Suche nach dem nächsten Partner, über dessen Macken sie sich dann wieder ärgern können. Der alte Paartherapeut Clint Eastwood hat diesen Wiederholungszwang treffend beschrieben: "Es gibt nur einen Weg, eine glückliche Ehe zu führen, und sobald ich erfahre, welcher das ist, werde ich erneut heiraten."

© SZ vom 04.10.2013/beu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite