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WHO-Grippe-Richtlinien:Empfehlung mit Geschmäckle

Einige Autoren der WHO-Richtlinien zum Umgang mit Grippe-Pandemien haben Geld von Pharmakonzernen erhalten. Unter anderem empfehlen die Richtlinien Medikamenten-Vorräte anzulegen.

K. Blawat

Einige der Experten, die an den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Umgang mit Grippe-Pandemien mitgewirkt haben, erhielten zur gleichen Zeit Geld von den Pharmafirmen Roche und Glaxo Smith Kline.

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(Foto: dpa)

Dies schreibt das British Medical Journal (online) und beruft sich auf Aussagen der Wissenschaftler und der WHO. Roche und Glaxo Smith Kline vertreiben Impfstoffe und Arzneien gegen Influenzaviren: Von Roche stammt der Wirkstoff Oseltamivir, bekannt unter dem Handelsnamen Tamiflu; Zanamivir (Handelsname Relenza) wird seit mehreren Jahren von Glaxo Smith Kline vertrieben.

Dem Bericht des Fachmagazins zufolge erhielt der Infektionsmediziner Fred Hayden von der University of Virginia 2004 von Roche Honorare für Vorträge und Beratertätigkeiten. Hayden habe dies dem Magazin gegenüber bestätigt, schreibt das BMJ.

Zur gleichen Zeit veröffentlichte die WHO ihre Richtlinien, wie Impfstoffe und Medikamente bei einer Grippe-Pandemie einzusetzen seien. Hayden hatte darin das Kapitel über den "Gebrauch von antiviralen Mitteln während einer Influenza-Pandemie" verfasst. Es empfahl den einzelnen Ländern, sich Medikamenten-Vorräte anzulegen.

Der Epidemiologe Arnold Monto von der University of Michigan schrieb in dem WHO-Bericht das Kapitel über den Einsatz von Impfstoffen, während er Beraterhonorare von Roche und Glaxo Smith Kline erhielt. Ebenso verhielt es sich mit dem Autor des Abschnitts über "pandemische Influenza", Karl Nicholson von der University of Leicester.

Die Autoren des BMJ-Artikels stören sich weniger an den Verbindungen der Wissenschaftler zur Pharmaindustrie - sondern vielmehr daran, dass die WHO diese Zusammenhänge nicht offengelegt hat.

Hayden, Monto und Nicholson hatten in Publikationen, die vor den WHO-Richtlinien erschienen waren, angegeben, dass sie Geld von Pharmaunternehmen erhalten hatten. Die meisten wissenschaftlichen Journale verlangen von ihren Autoren, dass diese solche mögliche Interessenkonflikte offenlegen.

Ob jedoch auch die WHO eine solche Erklärung von den drei Medizinern und allen übrigen Autoren erhalten hat, ist unklar. Hayden, Monto und Nicholson sagen zwar, die WHO fordere "grundsätzlich eine Erklärung über mögliche Interessenkonflikte".

In den veröffentlichten Richtlinien tauchen diese Erklärungen aber nicht auf. Als Begründung dafür nennt die Organisation, dass sie Erklärungen von Einzelpersonen nicht veröffentliche - um die Experten vor Beeinflussung zu schützen.

Der Epidemiologe Ulrich Keil von der Universität Münster, der selbst seit 37Jahren als Berater für die WHO arbeitet, kann deren Argumentation in Teilen nachvollziehen: Es gebe nun einmal kaum Influenza-Experten, die keine Verbindungen zur Pharmaindustrie hätten. So rechtfertigt die WHO die Auswahl ihrer Autoren.

"Das stimmt sicherlich, und ich halte es für bedenklich", sagt Keil. Doch umso wichtiger sei uneingeschränkte Offenheit: "Erklärungen zu Interessenkonflikten sind wenigstens ein Versuch, Transparenz zu schaffen. Man darf sie auf keinen Fall verschweigen. Wer es doch tut, verletzt den Ehrenkodex der Mediziner."

© SZ vom 05.06.2010/cosa
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