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Wetter:Nasser Sommer in Deutschland

Wetterkundler sind überzeugt: Heftige Niederschläge werden auf Dauer häufiger.

Von Marlene Weiß

Das Wetter kann sehr ungerecht sein. Und manchmal geradezu skandalös - so wie in diesem Sommer. Der Süden Deutschlands (wo nach Auffassung mancher sowieso alles besser ist als im Norden) erlebt einen warmen, trockenen Sommer, alles in allem recht angenehm. Der Nordosten dagegen, insbesondere Berlin und seine Umgebung, hat einfach nur Pech. Erst kam der Jahrhundert-Starkregen Ende Juni, bei dem es tagelang schüttete wie aus Eimern und die halbe Hauptstadt unter Wasser stand. Und jetzt schon wieder Dauerregen. Wer sich dort in diesem Jahr neue Gummistiefel gekauft hat, hat gut investiert.

Dem Klimawandel kann man all die Wassermassen allerdings nicht so einfach anlasten - jedenfalls nicht komplett. Die aktuelle Wetterlage im Nordosten nennen Meteorologen "Trog Mitteleuropa". Bei dieser Konstellation beult sich eine Windung der Höhenströmung, des sogenannten Jetstreams, besonders stark aus. In dieser Ausbuchtung ist der Druck so niedrig, dass Luft von weiter unten angesogen wird. So entsteht auch in Bodennähe ein Tiefdruckgebiet. Diese Tiefs können sehr hartnäckig sein, das bekommt unter anderem nun Berlin zu spüren, wo der Dauerregen schon wieder Straßen unter Wasser gesetzt hat.

Auf Twitter verbreitete die BVG das Bild einer durch die Fluten pflügenden Tram; daraufhin wurden prompt Rettungsboote an Bord empfohlen, wenigstens geht manchen Berlinern der Humor nicht verloren, angesichts der Wettermisere. Ernster wird es derzeit in Mitteldeutschland. Für Gebiete im Süden Niedersachsens sowie in Sachsen-Anhalt und im Nordwesten von Thüringen warnte der Deutschen Wetterdienstes am Dienstag wegen des Dauerregens vor "extremem Unwetter", die höchste Warnstufe. Bis Mittwochabend soll der Regen anhalten.

Im Grunde ist der Trog Mitteleuropa aber im Sommer nicht ungewöhnlich, und auch der Regen ist zwar heftig und ausdauernd, aber bislang nicht extrem stark. Solche Wetterlagen kommen nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) im Schnitt etwa alle zwei bis drei Jahre vor, es sei beileibe kein Hinweis auf einen klaren Trend zu mehr Sommernässe.

Niederschlag

SZ-Grafik: Mainka; Quelle: Wetterkontor.de, eigene Recherche

Anders sieht es hingegen mit Starkregenfällen aus. Das sind Niederschläge wie jene sintflutartigen Regenfälle, die Ende Juni einen Streifen im Norden und Osten Deutschlands überzogen, von Cottbus bis Südmecklenburg. Am schwersten traf es Berlin, ausgerechnet. An der Messstation in Tegel kamen mit Tief Rasmund innerhalb von 24 Stunden fast 200 Liter pro Quadratmeter Wasser herunter, mehr als doppelt so viel wie sonst im gesamten Juni. Über den Monat verteilt kam dort fast das Fünffache der normalen Regenmenge zusammen. Gut 1800 Mal rückte die Feuerwehr aus, zeitweise musste die U-Bahn-Linie 9 wegen überschwemmter Bahnhöfe gesperrt werden.

Bislang gelten solche Regenfälle als Jahrhundertereignis. Viel deutet aber darauf hin, dass Starkregen in Deutschland mit dem Klimawandel bereits häufiger geworden ist und weiter zunehmen wird. Exakt nachweisen kann man das noch nicht, weil der DWD erst seit 15 Jahren Starkregenfälle erfassen und aufzeichnen kann. Diese Daten zeigen zwar eine Zunahme, aber um von einem eindeutigen Klimatrend zu sprechen, wären Messwerte aus 30 Jahren nötig. Auch die gefürchtete Wetterlage "Tief Mitteleuropa", die oft schwere Unwetter mit sich bringt, scheint häufiger geworden zu sein, seit 1950 um etwa 20 Prozent.

"Das heißt aber nicht, dass es jetzt nur noch Regensommer gibt", sagt Andreas Friedrich vom DWD. "Im Gegenteil, es wird eher trockener, vor allem der Osten Deutschlands." Aber die Extreme nehmen zu, und das dürfte so weitergehen. Heftige Regenfälle werden durch die Klimaerwärmung begünstigt - schon weil warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnimmt, also auch mehr auf einmal herunterkommen kann. Obendrein verändert sich die Dynamik in der Atmosphäre: Weil die Arktis sich viel stärker erwärmt als Mitteleuropa, gerät der um die Arktis wehende Jetstream durcheinander. Das kann dazu führen, dass er stehende Wellen bildet, in denen Tiefs lange festsitzen und Überschwemmungen verursachen können. Aber auch Trockenheit kann auf diese Weise lange andauern, sodass sowohl mit längeren Dürrephasen als auch mit Überschwemmungen zu rechnen ist.

Und das gilt nicht für irgendein mögliches Klimaszenario in ferner Zukunft, sondern schon heute. Am Dienstag erschien im Fachmagazin Nature Communications eine Studie, in der Forscher des britischen Met Office die extremen Regenfälle analysierten, die im Winter 2013/2014 England und Wales getroffen hatten. Damals wurden diverse Niederschlagsrekorde gebrochen, der Schaden war enorm. Tatsächlich aber hätte man mit einem solchen Unwetter rechnen müssen, schreiben die Forscher. Als sie in ihre Wettermodelle die aktuellen Klimadaten einspeisten, zeigte sich, dass solche Regenfälle inzwischen recht wahrscheinlich sind: Derzeit lägen die Chancen, dass in einem Winter in irgendeiner Region in England oder Wales der bisherige Niederschlagsrekord gebrochen wird, bei stattlichen 34 Prozent.

© SZ vom 26.07.2017

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