Weltweite Studie 7000 Totgeburten - jeden Tag

2,6 Millionen Babys kommen jedes Jahr tot zur Welt. Betroffen sind vor allem die Entwicklungsländer - aber auch in einigen Industrienationen sind die Zahlen nicht so stark zurückgegangen wie erwartet.

Jedes Jahr kommen weltweit mehr als 2,6 Millionen Babys tot zur Welt - mindestens 7000 am Tag. Totgeburten - bei diesem Wort denkt man in den Industrieländern eher an Kinder in der Dritten Welt. Und tatsächlich sind dort die Zahlen von Babys, die tot zur Welt kommen, deutlich höher:

98 Prozent der Totgeburten ereignen sich in den ärmeren Ländern, der größte Teil davon in Südasien und den Ländern südlich der Sahara. So kommen zum Beispiel in Nigeria und Pakistan auf 1000 Geburten 42 und 47 Totgeburten. Das berichten Wissenschaftler im medizinischen Fachblatt Lancet.

Dabei könnte diese Zahl halbiert werden, wenn die ärztliche Versorgung von Müttern besser wäre. Unter anderem könnten eine bessere Geburtshilfe sowie die Behandlung von Krankheiten wie Syphilis, Bluthochdruck und Diabetes bei werdenden Müttern das Leben von mehr als einer Million Säuglinge jedes Jahr retten, heißt es in dem Bericht.

Doch auch in manchen Industrieländern ist die Zahl der Fälle nicht so stark gesunken, wie Experten erwartet hätten. Nach einem deutlichen Rückgang der Fälle seit den 1940er Jahren, gibt es in vielen Nationen derzeit keine Fortschritte mehr bei der Bekämpfung des Problems.

Dabei finden sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern: Finnland und Singapur zum Beispiel hätten die geringste Rate an Totgeburten, nur zwei von 1000 Babys kommen dort tot zur Welt. Fast doppelt so viele Fälle (3,9 von 1000) gibt es in Frankreich, das damit unter den reicheren Ländern am schlechtesten abschneidet. In Deutschland kommen auf 1000 Neugeborene 2,4 Totgeburten.

In den reicheren Ländern verursachten hauptsächlich Probleme mit der Plazenta eine Totgeburt. Aber auch Nabelschnur-Probleme, Infektionen oder angeborene Fehlbildungen des Babys führten zu Totgeburten. Komplikationen bei der Geburt seien selten die Ursache.

Gerade hier sei es mit bestimmten Maßnahmen möglich, die Zahl zu reduzieren, erklären die Fachleute. Denn einer der wichtigsten Risikofaktoren ist das Übergewicht der Mutter. Auch erhöht Alkoholgenuss während der Schwangerschaft das Risiko genau wie das Rauchen um mindestens 40 Prozent. Bei einem Alter der Mutter von über 35 Jahren steigt ihr Risiko um 65 Prozent. Problematisch sei, dass in vielen Industrienationen immer häufiger gleich mehrere Risikofaktoren zusammenkommen.

Aufklärungsprogramme sollten sich vor allem auch an Frauen aus benachteiligten Gruppen richten, denn unter denen sei die Zahl der Totgeburten häufig deutlich höher als bei nicht-benachteiligten Frauen des gleichen Landes, heißt es in dem Fachjournal. So sei die Zahl der tot geborenen Babys unter afroamerikanischen Frauen in den USA vergleichbar mit der aus Ländern mittleren Einkommens.

Zudem sollte im Falle einer Totgeburt umfassend nach der Ursache geforscht werden. Nach der Einführung eines entsprechenden Audits sei zum Beispiel in Norwegen die Zahl der Totgeburten um 50 Prozent gesunken.

Totgeburten seien eines der letzten großen Tabus der Gesellschaft, schreibt Janet Scott von der Stillbirth and Neonatal Death Charity in London (Großbritannien) in einem Kommentar. Jährlich kämen mehr Kinder tot zur Welt als Menschen an HIV/Aids sterben.

Nach der Weltgesundheitsorganisation WHO werden als Totgeburten jene Babys gezählt, die in oder nach der 28 Schwangerschaftswoche tot zur Welt kommen.

Die Forschung für den jetzt veröffentlichten Bericht wurde unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates und dessen Frau Melinda finanziert. Bei den veröffentlichten Zahlen zu Totgeburten handelt es sich um Schätzungen der Forscher, die teilweise offizielle Statistiken hinzuzogen. Allerdings beruhen die Zahlen für 160 der untersuchten Länder auf Modellschätzungen. Kritiker bemängeln daher, dass die im Bericht genannten Daten nicht zuverlässig genug seien.