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Weltraumwetter:Sonnensturm rast auf die Erde zu

Gleich zweimal hat die Sonne Strahlung und geladene Teilchen ins All geschleudert. Diese Stürme rasen nun Richtung Erde. Astrophysiker sind unsicher, ob sie den Planeten verschonen, oder sich zu einer Art Weltraum-Hurrikan verbinden.

Von Alexander Stirn

Es tobt ein Sturm im Universum. Ein Sturm aus Strahlung und geladenen Teilchen. Ein Sturm, der am Wochenende über die Erde hinwegziehen wird. Er könnte, verursacht durch zwei mächtige Eruptionen auf der Sonne, Stromnetze, Navigationssysteme und den Funkverkehr stören, er könnte farbenfrohe Nordlichter an den Nachthimmel zaubern. Er könnte aber auch weitgehend spurlos am Blauen Planeten vorbeigehen. Denn die Vorhersage des Sonnenwetters ist noch immer mit vielen Unwägbarkeiten verbunden.

Im Grunde sind solche Stürme nichts Ungewöhnliches. Die Zahl der Flecken auf der Sonne - und die damit verbundenen Ausbrüche und Aktivitäten - folgen einem etwa elfjährigen Rhythmus. Bereits für 2011 war das Maximum des aktuellen Sonnenfleckenzyklus vorausgesagt. Berechnungen der amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA legen allerdings nahe, dass der Höhepunkt erst Anfang dieses Jahres erreicht worden ist.

Ohnehin verläuft der aktuelle Zyklus, die Nummer 24 seit Beginn der Messungen, ausgesprochen milde. Ein sogenannter G3-Sturm, wie ihn die NOAA für Samstag befürchtet, fällt da schon in die heftigere Kategorie; im schlimmsten Fall könnte er zu leichten Beeinträchtigungen der irdischen Stromnetze führen. Doch auch solche Eruptionen sind nicht unbedingt selten: Im Durchschnitt zählen Sonnenforscher während jedes Zyklus etwa 200 Aktivitäten von der Stärke eines G3-Sturms.

Verlaufen Sonnensturm und irdisches Magnetfeld parallel, prallt die Welle einfach ab

Sie zu prognostizieren ist deutlich schwieriger: Während die Erde von Wetterstationen überzogen ist, während sie von mehreren Dutzend Wettersatelliten umkreist wird (und Vorhersagen trotzdem oft daneben liegen), steht die Sonne weit weniger im Fokus. Zwar wird auch sie von einigen Sonden beobachtet, allerdings stets aus respektvoller - und somit ungenauer - Entfernung. Doch selbst wenn die Weltraumobservatorien, wie in dieser Woche, einen Ausbruch entdecken, bleibt zunächst unklar, ob und wann die Erde davon getroffen wird. Dazu müssen die geladenen Teilchen nicht nur direkt in Richtung des Planeten geschleudert werden, ihr Magnetfeld muss auch entgegensetzt zum irdischen Feld verlaufen - ansonsten prallt die Welle am Schutzschild der Erde ab. Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist der Zeitpunkt eines möglichen Sturms, da sich die von der Sonne herausgeschleuderten Teilchen mal schneller und mal langsamer durchs All bewegen können.

Im aktuellen Fall kommt für die Weltraumwetterexperten ein weiteres Problem hinzu. Sowohl am Dienstag als auch am Mittwoch ist es zu einem Ausbruch auf der Sonne gekommen. Auf ihrem Weg Richtung Erde könnten sich die beiden Magnetstürme gegenseitig beeinflussen und - wie zwei irdische Hurrikane - zu einem (kleinen) Supersturm zusammenwachsen. Sie könnten es aber auch bleiben lassen. Erfahrungswerte gibt es nicht. Trotzdem hat die NOAA die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass am Samstag ein starker Sonnensturm die Erde trifft. Sie liegt bei 45 Prozent. Ein Münzwurf hätte ähnliche Prognosequalitäten.

© SZ vom 13.09.2014/chrb
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