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Weltraummüll:Parkgebühren im Erdorbit

Weltraummüll

Tausende Satelliten und weitere Objekte drängen sich in dieser Esa-Simulation um die Erde.

(Foto: dpa)

Forscher schlagen vor, das Weltraumschrott-Problem mit Abgaben zu lösen. Gleichzeitig entwickeln sich neue Techniken zum Aufräumen im All.

Manchmal kann man am Nachthimmel Lichter sehen, aufgereiht wie eine Perlenkette. Es sind Satelliten des Starlink-Projekts von Space-X, das von 2021 an nahezu weltweit satellitenbasierten Internetzugang anbieten soll. Einige 100 davon umrunden bereits die Erde, mehr als 11 000 weitere sind bereits genehmigt, noch einmal 30 000 geplant. Das ist ein Vielfaches der gut 5000 aktiven und inaktiven Satelliten, die sich derzeit in Erdorbits drängeln, und Space-X ist längst nicht die einzige Firma in dem Geschäft. Klar ist: Es wird eng dort oben am Himmel - zumal dann, wenn immer mehr Satelliten ausfallen und als taumelnder Weltraumschrott andere Satelliten gefährden.

Nun schlagen Forscher um Akhil Rao vom Middlebury College in Vermont im Fachblatt PNAS einen Lösungsansatz vor. Zwar werden längst technische Lösungen des Problems untersucht; auch gibt es internationale Absprachen zur Müllvermeidung im All. Aber das zugrunde liegende Problem, so die Forscher, gehe man damit nicht an: dass nämlich der einzelne Satellitenbetreiber nicht die Kosten trägt, die er bei anderen durch das steigende Kollisionsrisiko verursacht. Es ist ein klassisches sogenanntes Allmende-Problem, ähnlich wie im Klimaschutz, wo die Allgemeinheit die Schäden tragen muss, die der CO₂-Ausstoß eines Unternehmens anrichtet.

15 000 Dollar jährlich pro Satellit sollen zu weniger Kram im All führen

Das Team um Rao schlängt vor, dem Dilemma mit einer Orbit-Nutzungsgebür abzuhelfen, die für jedes Jahr fällig wird, die ein Satellit im Orbit verbleibt. Mangels einer global zuständigen Behörde müssten nationale Behörden das Geld einsammeln. Die Forscher haben die gemeinsame Entwicklung von Satellitenindustrie und Weltraumgedränge in einem einfachen Modell simuliert. So kommen sie auf einen optimalen Preispfad für die Gebühr, der bei etwa 15 000 Dollar jährlich pro Satellit beginnt und bis 2040 auf rund 235 000 Dollar ansteigt. Mit diesen Gebühren, so das Modell, wäre der langfristige wirtschaftliche Nutzen für die Weltraumindustrie am größten: Sie würden ausreichend Anreiz bieten, weniger Satelliten ins All zu schicken oder dort zu belassen, ohne jedoch unzumutbar hoch zu sein.

"Wenn man den Erdorbit nachhaltig nutzen möchte, muss man dafür sorgen, dass alles, was man hochbringt, am Ende der Lebensdauer wieder entsorgt wird. Das ist wie auf der Erde auch", sagt Manuel Metz, Weltraummüll-Experte vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Allerdings sei die Diskussion um Abgaben oder Vorschriften momentan eher akademisch interessant: Eine internationale Einigung zeichne sich nicht ab. "Darum ist es vorerst vor allem wichtig, dass gerade auch die Betreiber von großen Konstellationen die internationalen Richtlinien gegen Weltraumschrott anerkennen und ihren Nutzen sehen", sagt Metz. Denn solche Richtlinien gibt es durchaus: Das Weltraummüll-Komitee IADC der großen Raumfahrtbehörden etwa schreibt vor, dass Satelliten maximal 25 Jahre nach Ende ihrer Mission in niedrigen Erdorbits verbleiben dürfen.

Es gibt neue technische Möglichkeiten für Aufräumarbeiten im All, doch bislang keinen Markt dafür

Verbindlich sind diese Regelungen aber nicht. Hinzu kommt, dass sie schlecht zu den aktuellen Entwicklungen passen. Bei Zehntausenden Satelliten alleine für ein Programm wie Starlink kann die große Zahl der Objekte auch dann problematisch sein, wenn jedes einzelne die 25-Jahres-Grenze einhält.

Immerhin gibt es erste technische Fortschritte. So schob Anfang des Jahres das Mission Extension Vehicle (MEV-1) von Northrop Grumman den Satelliten Intelsat 901 wieder auf eine geostationäre Umlaufbahn. Andere Missionen, wie das für 2025 geplante Esa-Projekt ClearSpace-1, sollen erste Objekte aus niedrigeren Erdumlaufbahnen zurückholen. Einen größeren Markt für solche Aufräumarbeiten gibt es jedoch noch nicht.

© SZ vom 27.05.2020
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Tausende Satelliten und weitere Objekte drängen sich in dieser Esa-Simulation um die Erde.

(Foto: dpa)

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