Weltraum-Thriller "Gravity" Warum schraubt eine Ärztin am Hubble-Teleskop herum?

Streckenweise könnte "Gravity" sogar als Anschauungsmaterial für den Physikunterricht dienen, vor allem, wenn es um die Erhaltungssätze von Impuls und Drehimpuls geht. Was sich bewegt, kann nur anhalten, wenn es seinen Impuls auf etwas anderes überträgt. Auch eine Drehung lässt sich nur stoppen, indem die Rotation auf andere Körper übertragen wird. Das erfährt Sandra Bullock, alias Mission Specialist Ryan Stone, leidvoll, als sie haltlos durch das All wirbelt, bis George Clooney als Kommandant Matt Kowalski ihr dankenswerter Weise den Drehimpuls abnimmt. "Bremsen ist das Gleiche wie beschleunigen", das wird im Verlauf des Films ein ganz und gar nicht nur theoretisch gemeinter Kernsatz.

Alles korrekt also? Könnte die Story genau so in der Realität ablaufen? Nein, natürlich nicht. Dafür bietet der real existierende Weltraum dann doch zu wenig Handlungsfreiheit. So schweben zum Beispiel das Hubble-Teleskop, die Internationale Raumstation und das chinesische Konkurrenzprodukt keineswegs in enger Nachbarschaft durch den Orbit. Man kann nicht mal eben zwischen verschiedenen orbitalen Containeranlagen wechseln. Doch all das sei der fesselnden Dramaturgie gerne geopfert.

Anderes hingegen wirkt skurril, zum Beispiel wenn nach einem schweren Unfall eine Zahnspange durch das Spaceshuttle schwebt. Medizinprodukte dieser Art sind definitiv ein Ausschlusskriterium im Bewerbungsverfahren für Astronauten. Fragwürdig ist auch, warum die als Ärztin identifizierte Ryan Stone am Hubble-Teleskop herumschrauben darf. Und warum der lebenslustige Kommandant Kowalski ihr, der Medizinerin, die Wirkung von zu viel CO2 in der Atemluft erklären muss.

Da ist mächtig Zug drin. In dieser Szene sowieso, aber auch im gesamten Verlauf des Films "Gravity". Nur manchmal wird der Bogen überspannt.

(Foto: dpa)

Richtig lästig ist ein kurzzeitiger Totalausfall der Naturgesetze, ausgerechnet in einer Schlüsselszene. Da bekommen die beiden durchs All sausenden, nur mit einer Leine verbundenen Protagonisten die rettende Raumstation nicht recht zu fassen. Lediglich mit dem Fuß bleibt Sandra Bullock in ein paar Schnüren hängen, woraufhin beide wie ein Pferdegespann mit der Station verbunden zum Stillstand kommen (siehe Bild oben).

Im weiteren Verlauf der Szene wird so getan, als bliebe der Zug in den Leinen. Ein klassisches Eiger-Nordwand-Dilemma baut sich auf: Können es beide schaffen? Physikalisch gesehen ist das absurd, denn in diesem Moment des Stillstands würde ein kleines Zucken ausreichen, um beide Seilpartner in Richtung Station zu bugsieren. Schade, denn der Ausgang der Szene ist entscheidend für den weiteren Verlauf.

Andere Fehler sind reine Nerdsache: Gut gemeint ist der dramaturgische Einfall, einen Schauer üblen Weltraumschrotts alle 90 Minuten wiederauftauchen zu lassen. Es stimmt schon, Objekte in diesem Orbit brauchen 90 Minuten für eine Erdumrundung. Doch gleiches gilt auch für die Raumstation und unsere Helden. Kreist beides auf gegenläufigen Orbits, so kreuzen sich die Bahnen zweimal: auf beiden Seiten der Erde. Also müssten die Schauer alle 45 Minuten auftauchen.