Artenschutz:Weltnaturkonferenz startet mit Rückschlag

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UN-Generalsekretär Antonio Guterres eröffnet die Weltnaturkonferenz 2022 in Montréal

UN-Generalsekretär António Guterres bei der Eröffnung der Weltnaturkonferenz in Montréal

(Foto: IMAGO/Paul Chiasson/ZUMA Press)

Während UN-Generalsekretär António Guterres zum Auftakt der Weltnaturkonferenz in Montréal einen "Friedensvertrag mit der Natur" fordert, können sich die Unterhändler aus 200 Staaten trotz Extra-Verhandlungen nicht auf einen klaren Textentwurf für ein globales Naturschutzabkommen einigen.

Von Thomas Krumenacker

UN-Generalsekretär António Guterres hat die Staatengemeinschaft aufgerufen, trotz zahlreicher Widerstände ein starkes Abkommen zum weltweiten Schutz der Natur zu verabschieden. In Montréal müsse ein "Friedenspakt mit der Natur" geschlossen werden, der der jahrhundertelangen Umweltzerstörung ein Ende setze, sagte Guterres zur Eröffnung des UN-Biodiversitätsgipfels COP15 am Dienstagabend in der kanadischen Metropole. "Wir behandeln die Natur wie eine Toilette und begehen damit Selbstmord", sagte er in Anspielung auf die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen.

Guterres erhielt für seine Rede viel Applaus - doch den eigentlichen Verhandlungen der knapp 200 Vertragsstaaten konnte der wortgewaltige UN-Chef keinen Schwung verleihen. Sie gehen mit einem deutlichen Dämpfer in ihre entscheidende Phase: Den Unterhändlern gelang es auch in einer dreitägigen Dringlichkeitssitzung nicht, sich rechtzeitig zu Beginn der Konferenz auf einen Entwurf für das Abkommen zu einigen. Eine Annäherung zumindest in einigen Kernpunkten war im Vorfeld von allen Seiten als Voraussetzung dafür genannt worden, die Konferenz im Verlauf der nächsten beiden Wochen zu einem Erfolg zu führen.

Streit in allen Punkten

Nach Angaben von Teilnehmern bleiben auch nach der Sondersitzung alle wesentlichen Fragen umstritten. Brasilien und Argentinien, die stark von Agrarexporten abhängig sind, verweigerten demnach jegliche Zugeständnisse mit Blick auf die Ausweisung großräumiger Schutzgebiete und Einschränkungen für die Landwirtschaft. Island habe Fortschritte für eine nachhaltigere Fischerei blockiert. Auch die Fragen zum künftigen Umgang mit Pestiziden blieben strittig. Besonders umkämpft waren weiter alle Finanzthemen.

Widerstand gab es Teilnehmern zufolge auch auch gegen Festlegungen, die sicherstellen sollen, dass vereinbarte Ziele auch wirklich umgesetzt werden. Die Schaffung von Kontrollmechanismen und konkreten Indikatoren für Fortschritte gilt als zentrale Lehre aus dem Scheitern früherer Abkommen. Auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat betont, dass die Vereinbarung klarer Bestimmungen zur Umsetzung und zur Kontrolle des Abkommens für die Bundesregierung und die EU eine Priorität in den Verhandlungen seien.

"Es ist uns nicht gelungen, die Zahl der Klammern spürbar zu verringern", räumte ein mit den Verhandlungen vertrauter EU-Diplomat in Anspielung auf die Verhandlungspraxis ein, strittige Passagen durch Einklammern zu markieren. "Das bringt uns nun in eine schwierige Lage." Fortschritte seien erst zu erwarten, wenn sich Ende der kommenden Woche mehr als 100 Umweltminister in die Verhandlungen einschalten.

"Nach diesem Ergebnis ist der Erfolg unwahrscheinlicher geworden", glaubt Yves Zinngrebe vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). "Der Versuch, die Streitpunkte auf ein bearbeitbares Maß und auf die wesentlichen politisch kritischen Aspekte zu reduzieren, ist gescheitert." Kaum jemand könne sich vorstellen, dass es vor diesem Hintergrund eine rasche Verständigung auf ein ausreichend scharfes Abkommen geben könne.

"Wir brauchen ein ehrgeiziges, realistisches und machbares Abkommen"

Auch die politisch Verantwortlichen zeigten sich alarmiert. "Es gibt viele Meinungsverschiedenheiten zwischen den Regierungen", räumte der kanadische Premierminister Justin Trudeau als Ausrichter der Konferenz ein. Selbst Chinas Umweltminister Huang Runqiu sprach als Präsident der Verhandlungen Probleme an. "Es gibt Schwierigkeiten", sagte er. Konkret nannte er die offene Finanzierungsfragen und die Frage, wie hoch das Ziel in einer Art Präambel gesteckt werden soll.

Um die Verhandlungen in den kommenden beiden Wochen noch zu einem Erfolg zu führen, forderte die Chefin der UN-Biodiversitätskonvention, Elizabeth Mrema, Zugeständnisse von allen Staaten ein. "Wir brauchen Kompromisse bei allen Zielen", sagte sie. Kein Land dürfe das Zustandekommen eines Abkommens blockieren, weil es nicht alle eigenen Ziele durchsetzen könne. "Wir brauchen ein ehrgeiziges, realistisches und machbares Abkommen, das dem Anspruch gerecht wird, das Artensterben zu stoppen."

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