Welt-Aids-Tag Vergessene Seuche

Mit Krankheiten verhält es sich wie mit Modetrends - die Bedeutung, die Gesellschaft und Politik ihnen beimessen, folgt unberechenbaren Zyklen. Ein dramatisches Beispiel für die nachlassende Wahrnehmung einer Krankheit ist das einst als "Lustseuche" titulierte Leiden Aids.

Ein Kommentar von Werner Bartens

Drei Sterne gibt es für Burnout und Demenz. Nur einen Stern für Aids, gerade noch einen halben für Ehec. Ihre Sterne längst verloren haben hingegen Schweinegrippe, Asthma, Rheuma und Diabetes. Stark im Kommen: Allergien.

Todkranker Aids-Patient in einem Hospiz in Thailand.

(Foto: REUTERS)

Mit Krankheiten verhält es sich in gewisser Weise wie mit Modetrends und den Bewertungen der Gastrokritiker für Restaurants: Auch sie unterliegen einem Geschmacksurteil und gesellschaftlichen Konjunkturen. Das mag zynisch klingen, ist aber so, denn die Wahrnehmung von Leid folgt unberechenbaren Zyklen, und diese wirken sich nicht nur auf Umfang und Häufigkeit der Berichterstattung, sondern auch auf die Höhe der Forschungsmittel und die Entscheidung für oder wider staatlich geförderte Präventionsprogramme aus.

Ein dramatisches Beispiel für die nachlassende Wahrnehmung einer Krankheit ist der Bedeutungsverlust, den das einst als "Lustseuche" titulierte Leiden Aids hinnehmen musste. Vor 20 Jahren war Aids noch der schwarze Schatten, der nicht nur das Schicksal des Einzelnen, sondern das der ganzen Welt zu verdunkeln drohte.

Über jedem ungeschützten Intimkontakt schwebte virtuell der Sensenmann. Forscher wie Politiker überboten sich mit Szenarien, die den Untergang der Weltbevölkerung prophezeiten, sollten die Neuinfektionen weiter so rasant zunehmen. Aus der Sicht von 1990 war es allenfalls fraglich, ob im fernen Jahre 2010 die Menschheit noch im elenden Siechtum dahinvegetieren würde oder bereits endgültig verschieden war.

Heute ist die Faszination des Grauens und sogar die einst untrennbar mit Aids verbundene Konnotation von Sex und Verderben weitgehend einer neuen Gleichgültigkeit gewichen. Aids wird nicht mehr zwangsläufig nur mit Darkrooms, Drogenabhängigen und promisken Afrikanern assoziiert.

Die Zahl von 2700 Neuinfektionen in Deutschland 2011 ist - wie schon in den Vorjahren - erfreulicherweise rückläufig. Infizierte haben in reichen Ländern gute Chancen, mit der Krankheit 20, 30 oder mehr Jahre zu leben. Die bisherigen Erfolge in der Bekämpfung und Prävention von Aids wurden allerdings mit der Kaum-noch-Beachtung des Leidens erkauft.

Dabei ist Aids immer noch unheilbar. Aids ist immer noch eine furchtbare Krankheit, die viel körperliches wie seelisches Unglück mit sich bringt und das Sozialleben massiv beeinträchtigt; dazu gehört auch die Ausgrenzung durch andere. Und Aids ist weiterhin eine immense Bedrohung in Afrika, in Asien und Osteuropa, besonders in der Ukraine und Russland.

Weltweit sind mehr als 33 Millionen Menschen infiziert, etwa 2,7 Millionen Männer, Frauen und Kinder stecken sich jedes Jahr neu an. Zwei Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Aids. Zugleich gewinnt in den armen Ländern eine längst vergessen geglaubte Seuche wieder an Bedeutung: Eine viertel Million der HIV-Infizierten stirbt jährlich an einer zusätzlichen Infektion mit Tuberkulose. Der geschwächte Körper wird umso schneller Opfer einer der beiden Krankheiten. Mediziner sprechen bereits von der Doppel-Epidemie HIV/TB.

In Deutschland interessiert das ferne Leid jedoch kaum jemanden - und die Infizierten und Erkrankten im eigenen Land scheinen gut versorgt und daher kaum noch der Anteilnahme wert zu sein. Außer dem rituellen Gedenken zum Welt-Aids-Tag und der Bekanntgabe neuer epidemiologischer Zahlen kurz zuvor (beiden Ereignissen widmet auch die SZ regelmäßig Artikel) findet Aids in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr statt. Andere Gefährdungen scheinen bedrohlicher und vor allem alltagsnäher zu sein, seit der Gebrauch von Kondomen sein Schmuddelimage verloren hat.

Jedes Leid und jeder Kranke verdienen Beachtung

Früher galt das Ableben nach Herzinfarkt als Heldentod der Führungskräfte, heute ist Burnout das Veteranen-Abzeichen der Leistungsgesellschaft. Krankheit wird moralisch bewertet: Fällt der Kollege drei Wochen aus, weil er sich beim Fallschirmsprung den Knöchel gebrochen hat, ist ihm Anerkennung gewiss.

Muss er mit Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie, erntet er hingegen abschätziges Bedauern dafür, dass er den Anforderungen von Familienwahnsinn und Arbeitsnomadentum nicht mehr gewachsen war. Weil es nach eigener Schwäche klingt, ist der Begriff Nervenzusammenbruch aus der Mode gekommen - wer am Burnout leidet, wurde hingegen Opfer der Verhältnisse.

Die dauerflexiblen, multitasking-beflissenen Bewohner dieses Landes sorgen sich nicht um Aids, sondern um die Grenzen der eigenen Belastbarkeit (Burnout), Grenzen ihres Erinnerungsvermögens (Alzheimer und andere Demenzformen) sowie darum, wie lange sie ein fremdbestimmtes Leben aushalten, ohne Pickel und Ekzeme zu bekommen (Allergien). Kein Wunder, dass neben Aids auch andere bedrohliche Leiden wie Multiple Sklerose, Parkinson, Epilepsie, Herzinsuffizienz oder Asthma in der öffentlichen Aufmerksamkeit kaum eine Rolle spielen.

Jedes Leid und jeder Kranke verdienen Beachtung - unabhängig davon, ob die jeweilige Krankheit die aktuellen Ängste einer Gesellschaft versinnbildlicht oder nicht. Und Aids-Kranke und HIV-Infizierte brauchen mehr als ein paar Prominente, die sich alle Jahre wieder eine rote Schleife ans Revers binden.