Klimawandel Reben auf der Flucht

Hitzewellen in Frankreichs Weinanbaugebieten lassen die Reben vertrocknen.

(Foto: Getty Images)

Das zunehmend heiße Wetter vertreibt Weinsorten aus Frankreich. Was sind Herkunftsbezeichnungen noch wert, wenn künftig Bordeaux aus Deutschland kommt?

Reportage von Fabian Federl, Bordeaux

Agnès Destrac-Irvine, Doktorin der Agrarwissenschaften, eine kleine, schmale Frau von 43 Jahren, rote Haare, Sommersprossen, wartet ungeduldig im Foyer des Instituts für Wein und Reben in Bordeaux. Sie ist nervös. Der Tag wird ihre Zukunft und die Zukunft des Weins ihrer Heimatregion bestimmen. Eine Delegation der filière bordelaise betritt das Institut. Die filière ist so etwas wie die Weingenossenschaft der Region, ihre Mitglieder entscheiden, was einen Bordeaux zum Bordeaux macht, welche Böden, welche Rebsorten, welche Weingüter. Alle Maßnahmen, die Agnès Destrac-Irvine plant, um die drohende Katastrophe abzuwenden, müssen von der filière gutgeheißen werden.

Sie begrüßt die Delegation, 30 Önologen und Winzer, und zeigt in einem Konferenzsaal ihre Analysen. Unmissverständlich: Die beiden Vorschläge der filière reichen nicht aus. Vorschlag eins, verbessertes Management der Weingüter, kann 20 Prozent der Auswirkungen auffangen. Sonnensegel spannen, Bewässerungsanlagen in den Boden bohren, Kühlsysteme anbringen oder, wie es ein Winzer im vergangenen Jahr tat, seine Reben mit einem Helikopter bewässern. "Weder nachhaltig noch bezahlbar", sagt Destrac-Irvine. Für Vorschlag zwei, die Veredelung, also eine Rebe mit dem Wurzelsystem einer besser angepassten zu verbinden, sei es zu spät.

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Das Problem der Winzer ist der Klimawandel. Er bedroht Weinbau und Landwirtschaft. Doch während es den meisten Konsumenten egal ist, woher ihre Kartoffeln kommen, spielt die Herkunft beim Wein eine entscheidende Rolle. Bordeaux ist Bordeaux, weil er aus dem Gebiet um Bordeaux kommt. Das Klima aber ändert sich, es wird heißer, trockener.

Im Bordelais wird es in einigen Jahrzehnten unmöglich sein, das anzubauen, was hier seit Jahrtausenden angebaut wurde. Agnès Destrac-Irvine macht deshalb zwei Vorschläge. Erstens: Das Anbaugebiet mit dem Namen Bordeaux muss nach Norden rücken. Zweitens: Die Rebsorten, die Bordeaux-Weine ausmachen, müssen ausgetauscht werden. Doch beides könnte den Ruf der Region ruinieren. Dabei ist der Weinbau der wichtigste Wirtschaftszweig der Region. Weltweit werden pro Sekunde 23 Flaschen Bordeaux verkauft.

Erst kommt der Trockenstress, danach verdurstet die Rebe

Hört man Agnès Destrac-Irvine von ihrem damaligen Treffen mit der filière erzählen, wird die Bedrohung klar: Ein Wandel steht nicht bevor - er ist schon da.

In ihrem Büro stapeln sich Weinkisten, Petit Cheval, 2000er-Jahrgang, 200 Euro die Flasche. Auf dem Schreibtisch vor ihr steht ein Glas Wein, ein typischer Bordeaux. Also ein Cuvée aus Merlot und Cabernet Sauvignon. 65 Prozent der in Bordeaux angebauten Reben sind Merlot, 23 Prozent Cabernet Sauvignon, der Rest sind Hilfssorten, die den Geschmack abrunden.

Merlot ist eine Rebsorte für eher kühle Anbaugebiete. Sie braucht viel, aber nicht zu starke Sonne, spärlichen, aber regelmäßigen Regen, einen langen Herbst und einen kurzen Winter. Spätfrost, Trockenheit und Hitze bringen sie aus der Balance. Wird es zu trocken, kostet das die Pflanze eine enorme Anstrengung. Es folgt Trockenstress, danach verdurstet die Rebe.

Die Trockenheit ist ein bekanntes Problem. Mit dem Klimawandel aber verschärft es sich. Ein neues ist hinzugekommen: die andauernde Hitze. Hohe Temperaturen beschleunigen das Wachstum, die Rebe treibt früher aus, die Beeren werden früher reif. Der Geschmack ist zum Erntezeitpunkt unvollständig. Je reifer die Traube, desto mehr Zucker, was einen höheren Alkoholgehalt bedeutet. "Einen Wein mit 18 Volumenprozent kauft niemand", sagt Destrac-Irvine. Erntet man aber früher, um das Überzuckern zu vermeiden, fehlen Säure und Phenole, der Wein wird süß.

Eine solche Ernte kann ein guter Winzer bestenfalls zu einem Mittelklassewein keltern. Im Jahr 2003 ahnte Agnès Destrac-Irvine zum ersten Mal, was auf sie zukommen würde. Noch heute gilt der Jahrgang als einer der schlechtesten der vergangenen 100 Jahre. 2003 sprach man vom Jahrhundertsommer. Doch das Phänomen wiederholt sich seitdem alle paar Jahre. In 15 Jahren hat es bereits eine Handvoll Jahrhundertsommer gegeben. Die Durchschnittstemperatur im Bordelais ist seit 1900 um 1,4 Grad gestiegen. Die optimistischste Projektion rechnet mit knapp einem weiteren Grad bis 2050, die pessimistischste mit rund fünf Grad bis 2100. Drei Viertel der Weinanbauflächen in Südfrankreich wären dann nicht mehr nutzbar.

Was Destrac-Irvine im Bordelais noch zu bekämpfen versucht, ist anderswo schon geschehen. Das Languedoc etwa, die Region rund um Montpellier, hatte 1950 das Klima, welches das Bordelais jetzt hat. Und heute hat es das Klima, welches das Bordelais künftig haben wird. Im Languedoc findet die Zukunft des Bordelais bereits statt.

In nur wenigen Wochen verbrannte die halbe Ernte

Davon kann zum Beispiel Alain Caujolle-Gazet berichten, ein bulliger Typ mit grauen Haaren und ernstem Blick. Er spezialisierte sich einst auf tropische Agrarwissenschaften, bis er sich 1998, im Jahr des ersten Rekordsommers, seinen Traum erfüllte: ein eigenes Weingut.

Zur Erntezeit in jenem Jahr pflückte Caujolle-Gazet rosinengroße Trauben von dürren, langen Ästen. Die Rebstöcke waren schon braun von der Sonne. Man konnte den Karamelgeruch riechen, der Zucker der abgefallenen Trauben kochte auf dem Boden. In nur wenigen Wochen im Sommer 1998 verbrannte Caujolle-Gazet mehr als die Hälfte seiner Ernte.

Hier im Languedoc wird seit Jahrhunderten Wein gemacht. Schon immer war es hier besonders warm. So einen desaströsen Sommer wie 1998 hatte es aber nie zuvor gegeben. Caujolle-Gazet entwarf dennoch am Computer Etiketten für seinen noch nicht existenten Wein, denn die nächsten Jahre, da war er sich sicher, würde es besser werden. Doch seitdem folgten sechs ähnliche Hitzewellen. Zwischen 2011 und 2018 lagen zwei Drittel der durchschnittlichen Monatstemperaturen über dem Dreißig-Jahres-Durchschnitt, und zwei Drittel der durchschnittlichen Niederschlagsmengen darunter. Mehr als die Hälfte aller Weingüter in den Tieflagen der Terrasses-du-larzac schlossen. 2012 verkaufte Caujolle-Gazet sein Haus. Das Klima zerstörte sein Geschäft, er wurde zum Klimaflüchtling.