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Wege zum Wohlbefinden:Zu viel Glück tut nicht gut

Die kontrollierten Experimente von Seligman und anderen erstrecken sich nur über Wochen, bestenfalls wenige Monate. Auf lange Sicht aber stellt sich leider heraus, dass sich Menschen sehr schnell an veränderte Lebensumstände gewöhnen - auch die Freude über einen Lottogewinn hält nicht ewig vor.

Außerdem pendelt sich das menschliche Glücksempfinden, wie Zwillingsstudien belegen, regelmäßig auf einen ererbten Normalwert ein - dem eigenen Temperament entkommt man also nur schwer. Heißt das nun: Einmal Sauertopf, immer Sauertopf?

Es gibt Hoffnung. "Heule nicht, handle" - so wollen es Anhänger der positiven Psychologie sehen. Sie bestehen darauf, dass Gene und Lebenslagen unser Stimmungsschicksal nicht völlig beherrschten. Es gebe durchaus Raum für Verbesserung.

Um die 40 Prozent unseres Wohlbefindens ließen sich willentlich steuern, glaubt beispielsweise die an der University of California in Riverside lehrende Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky. Den Schlüssel zu gesteigertem Glück sieht sie darin, das eigene Verhalten zu ändern.

Was die Glücksexpertin verschreibt, ließe sich vergleichen mit einem Fitnessprogramm für das Glücksempfinden. Zu den empfohlenen Handlungen gehört - ein Klassiker unter positiven Psychologen - das regelmäßige Dankesritual, bei dem man des Guten in seinem Leben gedenkt.

Hinzu kommt die Empfehlung, Gutes zu tun. Doch, wie Lyubomirsky in Experimenten leider feststellen musste, lässt die Wirkung bald nach, wenn die Therapieübungen täglich absolviert werden.

Bessere Ergebnisse erzielten dagegen Versuchspersonen, die nur einmal wöchentlich das Glücksprogramm durchspielten. Der wahrscheinliche Grund, wie Lyubomirsky in einem Aufsatz mutmaßt, ist "minimaler kognitiver Aufwand bei gleichzeitiger Erfahrungsmaximierung" (Social and Personality Psychology Compass, Bd.1, S.129, 2007).

Pessimismus als Abwehr

Doch damit ist es noch nicht getan. Wie Lyubomirsky weiterhin erfahren musste, gibt es leider auch bei diesen Ritualen Gewöhnungseffekte. Deshalb empfiehlt sie, die auf ein gesteigertes Lebensgefühl abzielenden Handlungen zu variieren - einmal einen Dankbarkeitsritus durchführen, dann etwas Gutes zu tun, sich bei Gelegenheit von unnötigen Sorgen zu befreien, oder sich vorsichtig dem Spirituellen zu öffnen.

Mag das noch bewältigbar erscheinen, fügt sie jedoch hinzu, dass man ihren Empfehlungen nur folgen sollte, falls man innerlich die Lust dazu verspüre. Denn eine weitere tiefe Erkenntnis der Glücksliteratur ist, dass man nur dauerhaft eine Seligkeitsstufe höher steigt, wenn der Wunsch auch zur eigenen "Persönlichkeit, den Veranlagungen und Bedürfnissen" passe. Und selbst dann, fügt Lyubomirsky etwas kleinlaut hinzu, "kann es immer noch passieren, dass diese Methode nicht funktioniert."

Ohnehin will nicht jeder mittels angestrengter Psychotechniken aus seinem Stimmungstief errettet werden. Negative Gefühle haben zudem einen evolutionär guten Sinn. Sie helfen, Gefahren zu vermeiden, und bereiten auf nervenaufreibende Situationen vor.

So hat die Entwicklungspsychologin Julie Norem vom Wellesley College in Massachusetts bei notorischen Schwarzsehern festgestellt, dass ihnen "defensiver Pessimismus" hilft, die Herausforderungen des Alltags zu bestehen. Neurotikern, die sich ständig Sorgen machen, ergeht es nicht viel besser - Zwangsoptimismus ist für sie nur eine Last.

© SZ vom 27.03.2008/mcs
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