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Wege zum Wohlbefinden:Zu viel Glück tut nicht gut

Lebensberater und Volkshochschulen wollen uns beibringen, wie man glücklich wird. Doch nun wachsen die Zweifel am Sinn der großen Glücksvermehrung.

Hubertus Breuer

Gewiefte Lebensberater bieten landauf, landab die große Glücksvermehrung an. Bücher zum Thema gibt es zuhauf, und selbst Volkshochschulen bieten Kurse an, die versprechen, Glück sei erlernbar. Dabei ist es ums "subjektive Wohlbefinden", wie Psychologen Glück gerne umschreiben, weltweit eigentlich gut bestellt. Das zeigen Umfragen regelmäßig.

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Wer nicht in einem Bürgerkriegsgebiet lebt, Hunger leidet oder vor kurzem einen geliebten Menschen verloren hat, gibt in der Regel an, er sei zufrieden. Die meisten Menschen halten ihr Leben dennoch für verbesserungswürdig. Manche selbsternannte Experten ziehen daraus den Schluss, das Glücksempfinden lasse sich steigern. Doch ist das wirklich erstrebenswert?

Im vergangenen Dezember veröffentlichte der Psychologe Ed Diener von der University of Illinois, einer der Pioniere der so genannten "positiven Psychologie", gemeinsam mit Shigehiro Oishi von der University of Virginia die Studie "The Optimum Level of Well-Being. Can People be too Happy?" (Perspectives on Psychological Science, Bd. 2, S. 346).

Im Rahmen des "World Values Survey", einer Erhebung, an der 11.8519 Personen aus 96 Ländern teilnahmen, und drei weiterer Langzeitstudien, mussten die befragten Personen auf einer Glücksskala von Eins bis Zehn ihre Gemütsverfassung einordnen.

Unter Zehn fanden sich bei der Auswertung Personen wieder, die ein ebenso stabiles wie reges Sozialleben führten und mitunter ehrenamtlich arbeiteten. Doch was Einkommen, Ausbildung, Karriere und politisches Engagement betraf, schnitten die Überglücklichen deutlich schlechter ab als die mit ihrem Leben leicht Unzufriedenen, die sich bei Neun, Acht oder gar nur mageren Sieben einstuften.

Die Erklärung ist einfach: "Wer glaubt, sein Leben laufe nicht optimal, findet darin womöglich eine wichtige Motivation, Einkommen oder Ausbildung zu verbessern oder sein politisches Engagement zu verstärken", schreiben Diener und Oishi. "Wer hingegen bereits rundum glücklich ist, läuft durch Ehrgeiz nur Gefahr, das Bestehende zu gefährden."

Doch permanente Hochstimmung steht nicht nur dem Erfolg im Wege. Generell scheinen Frohnaturen zwar kreativer und gewitzter zu sein, doch gilt diese Regel nicht universell. So schwächt allzu gute Laune offenbar logisches Schlussvermögen, führt zu unsicheren moralischen Urteilen und verführt dazu, unbekümmert auf soziale Klischees zurückzugreifen.

Diener und Oishi bringen ihre Kritik an der guten Dauerlaune mit einer Anekdote auf den Punkt. Der britische Abenteurer und Textilkaufmann Maurice Wilson habe 1934 fest daran geglaubt, den Mount Everest als Erster besteigen zu können - trotz mangelnder Bergerfahrung.

Sein gewagter Plan war, ein Flugzeug möglichst nahe am Gipfel zu landen und das letzte Stück hochzuklettern. Da ihm Behörden die Genehmigung verweigerten, trat er den gesamten Weg unverzagt zu Fuß an - ein Jahr später fand man die steif gefrorene Leiche in 7000 Metern Höhe. Sein letzter Tagebucheintrag: "Wieder geht's los, herrlicher Tag!"

Handbuch der Charakterstärke

Passionierte Selbstverbesserer ficht dergleichen aber selten an. Als der Sozialpsychologe Martin Seligman von der University of Pennsylvania 1996 zum Präsidenten der American Psychological Association gewählt wurde, nutzte er sein Amt, um die positive Psychologie salonfähig zu machen.

Er wollte zeigen, dass es möglich ist, "zufriedener zu sein, sich im Leben mehr zu engagieren, mehr Sinn zu finden, mehr Hoffnung zu haben, und womöglich gar öfter zu lachen und zu lächeln, ungeachtet der persönlichen Umstände."

Um das zu fördern, hat er 2004 ein Gegenstück zu dem weltweit benutzten Handbuch der Nervenheilkunde, dem "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", auch DSM genannt, vorgelegt: einen Katalog von Charakterstärken und Tugenden, das Handbuch der "Character Strengths and Virtues", kurz CSV, das nicht nur klassifizieren, sondern auch zu einem besseren Leben inspirieren soll.

Das CSV markiert die bedenkliche Gratwanderung der positiven Psycho-Bewegung. In den USA, aus denen die Glückswelle nach Deutschland herüberschwappte, fällt das darin propagierte eigenartige Gemisch weniger auf.

Es setzt schließlich die uramerikanische Tradition der Selbstverwirklichung, des in der Unabhängigkeitserklärung verbrieften Rechts nach Glücksstreben fort und atmet den missionarischen Geist evangelikaler Christen.

Zumindest die mächtige John-Templeton-Foundation, die Studien zum Thema Glück jährlich mit etwa zehn Millionen Dollar finanziert, heißt diese Entwicklung willkommen. 1987 im US-Bundesstaat Pennsylvania gegründet, hat es sich die Stiftung zur Aufgabe gemacht, die spirituellen Aspekte des Lebens - von Gebeten bis zur Vergebung - innerhalb der Wissenschaft als Forschungsfeld zu etablieren.

Das Wohlbefinden überprüfbar zu steigern, ist allerdings kein triviales Unterfangen. Denn es gibt noch keine Langzeitstudien, die zweifelsfrei belegen, dass systematisch ausgeführte Aktionen Menschen ins erwünschte Stimmungshoch bringen. Im Gegenteil.

Zu viel Glück tut nicht gut

Die kontrollierten Experimente von Seligman und anderen erstrecken sich nur über Wochen, bestenfalls wenige Monate. Auf lange Sicht aber stellt sich leider heraus, dass sich Menschen sehr schnell an veränderte Lebensumstände gewöhnen - auch die Freude über einen Lottogewinn hält nicht ewig vor.

Außerdem pendelt sich das menschliche Glücksempfinden, wie Zwillingsstudien belegen, regelmäßig auf einen ererbten Normalwert ein - dem eigenen Temperament entkommt man also nur schwer. Heißt das nun: Einmal Sauertopf, immer Sauertopf?

Es gibt Hoffnung. "Heule nicht, handle" - so wollen es Anhänger der positiven Psychologie sehen. Sie bestehen darauf, dass Gene und Lebenslagen unser Stimmungsschicksal nicht völlig beherrschten. Es gebe durchaus Raum für Verbesserung.

Um die 40 Prozent unseres Wohlbefindens ließen sich willentlich steuern, glaubt beispielsweise die an der University of California in Riverside lehrende Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky. Den Schlüssel zu gesteigertem Glück sieht sie darin, das eigene Verhalten zu ändern.

Was die Glücksexpertin verschreibt, ließe sich vergleichen mit einem Fitnessprogramm für das Glücksempfinden. Zu den empfohlenen Handlungen gehört - ein Klassiker unter positiven Psychologen - das regelmäßige Dankesritual, bei dem man des Guten in seinem Leben gedenkt.

Hinzu kommt die Empfehlung, Gutes zu tun. Doch, wie Lyubomirsky in Experimenten leider feststellen musste, lässt die Wirkung bald nach, wenn die Therapieübungen täglich absolviert werden.

Bessere Ergebnisse erzielten dagegen Versuchspersonen, die nur einmal wöchentlich das Glücksprogramm durchspielten. Der wahrscheinliche Grund, wie Lyubomirsky in einem Aufsatz mutmaßt, ist "minimaler kognitiver Aufwand bei gleichzeitiger Erfahrungsmaximierung" (Social and Personality Psychology Compass, Bd.1, S.129, 2007).

Pessimismus als Abwehr

Doch damit ist es noch nicht getan. Wie Lyubomirsky weiterhin erfahren musste, gibt es leider auch bei diesen Ritualen Gewöhnungseffekte. Deshalb empfiehlt sie, die auf ein gesteigertes Lebensgefühl abzielenden Handlungen zu variieren - einmal einen Dankbarkeitsritus durchführen, dann etwas Gutes zu tun, sich bei Gelegenheit von unnötigen Sorgen zu befreien, oder sich vorsichtig dem Spirituellen zu öffnen.

Mag das noch bewältigbar erscheinen, fügt sie jedoch hinzu, dass man ihren Empfehlungen nur folgen sollte, falls man innerlich die Lust dazu verspüre. Denn eine weitere tiefe Erkenntnis der Glücksliteratur ist, dass man nur dauerhaft eine Seligkeitsstufe höher steigt, wenn der Wunsch auch zur eigenen "Persönlichkeit, den Veranlagungen und Bedürfnissen" passe. Und selbst dann, fügt Lyubomirsky etwas kleinlaut hinzu, "kann es immer noch passieren, dass diese Methode nicht funktioniert."

Ohnehin will nicht jeder mittels angestrengter Psychotechniken aus seinem Stimmungstief errettet werden. Negative Gefühle haben zudem einen evolutionär guten Sinn. Sie helfen, Gefahren zu vermeiden, und bereiten auf nervenaufreibende Situationen vor.

So hat die Entwicklungspsychologin Julie Norem vom Wellesley College in Massachusetts bei notorischen Schwarzsehern festgestellt, dass ihnen "defensiver Pessimismus" hilft, die Herausforderungen des Alltags zu bestehen. Neurotikern, die sich ständig Sorgen machen, ergeht es nicht viel besser - Zwangsoptimismus ist für sie nur eine Last.

© SZ vom 27.03.2008/mcs
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