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Wasserstoff:Die Zeit läuft davon

Die Zeit läuft ihnen davon, denn die Industrie schafft bereits Tatsachen. 26 Wasserstofftankstellen gibt es laut der vom TÜV betriebenen Website h2stations.org schon in Deutschland, weitere sind in Planung. Sie betanken rund 250 Busse und Autos meist mit Hochdruck-Wasserstoff.

Daimler baut gerade 200 Kompaktwagen mit solchen 700-Bar-Tanks, ab 2014 möchte der Hersteller sie in Großserie produzieren, also einige tausend Stück. Das sei "zukunftsweisend" und "absolut sicher", sagt eine Sprecherin. "Ich bin kein Freund dieser Hochdrucktechnik", widerspricht Verfahrenstechniker Arlt. Nirgends sonst müsse der Bürger mit so hohen Drücken hantieren. Arlt erinnert an die Brandanschläge in Berlin, was, wenn so ein Wasserstoff-Auto darunter gewesen wäre, fragt er. Carbazol explodiere nicht.

Die Industrie reagiert auf solche Einwürfe frostig. "Carbazol ist kein Thema, das ist reine Grundlagenforschung", sagt ein Sprecher des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbands (DWV).

Die Industrie teile die Begeisterung der Forscher nicht. Zur chemischen Speicherung hat der Verband eine Pressemitteilung herausgegeben und mit "Möglichkeiten und Grenzen" betitelt, die Grenzen überwiegen darin. "Schlechte Energiebilanz", "kompliziert", "kostet Geld", "Verunreinigungen", die Liste an Punkten, die dem Verband nicht gefallen, ist lang. Ein attraktives Speicherverfahren ist für ihn "nicht in Sicht", es sei daher nicht zu vertreten, eines der Verfahren als Lösung zu feiern.

BMW gehört zu dem Konsortium, das Arlts Forschung unterstützen will, sobald das Ministerium grünes Licht gibt. Wenn die sieben Firmen wollten, könnten sie das fehlende Geld selbst beisteuern. Vielleicht handeln sie nicht, weil sie den Staat auch bei der Finanzierung der Pilotanlagen an Bord wissen wollen, die später ansteht. Da geht es schnell um zweistellige Millionenbeträge.

"Wir halten uns bei Carbazol abwartend", sagt ein Sprecher von BMW, es gebe "eine ganze Reihe offener technischer Fragen". Herkömmliche Elektroautos seien deutlich "realitätsnäher", bei ihnen müsse man nicht den Aufbau einer Infrastruktur abwarten. Denn ein Carbazol-Auto hätte zwei Tanks, einen mit geladenem und einen mit entladenem Carbazol. Den entladenen Stoff müsste man an der Tankstelle wieder abgeben.

Arlt geht es aber mit seiner Forschung um mehr als um Autos, er berät auch Bayerns Regierung in Energiefragen. "Bis 2022 müssen wir irgendwas hinbekommen haben", sagt der Verfahrenstechniker, denn dann stellt das letzte Kernkraftwerk seinen Betrieb ein.

Und die überschüssige Energie aus regenerativen Quellen, die an sehr heißen oder windigen Tagen anfällt, muss irgendwo gespeichert werden. Wasserstoff wäre da nicht die schlechteste Option, sagt der Ingenieur. Wenn er doch nur nicht so leicht wäre.

© SZ vom 21.09.2011/mcs
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