bedeckt München

Waschzwang:Auf der Suche nach dem Rheingold

Der Rhein steckt voller Gold. Immer mehr Menschen holen es mit jahrhundertealten Methoden aus dem Flussbett. Reich werden sie dabei nicht - aber glücklich.

Mit kräftigen Schlägen treibt Franz-Josef Andorf die Hacke ins Kiesufer. Er weiß, dass der Boden hier in Neuenburg mehr als Steine und feuchte Erde zu bieten hat: echtes Gold. Aus dem schweizerischen Fluss Aare gelangt es als Flitter - also in Form kleiner Körnchen oder Plättchen - in den Rhein.

"Immer in Bewegung bleiben und die Pfanne unter Wasser halten". Goldsucher am Rhein.

Letztes Jahr, sagt Andorf, habe eine Gruppe gleich mehrere weizenkorngroße Stückchen gefunden. Als er das erzählt, werden seine Zuhörer unruhig. Der Rhein ist hier nur 20 Zentimeter tief, man könnte hinüber ins Elsass laufen. Doch für die schiefen Fachwerkhäuser auf der anderen Flussseite interessiert sich niemand.

Stattdessen starren alle auf die knallgrüne Goldwaschpfanne in Andorfs Hand. Langsam schwenkt er das Flusswasser mit einer Handvoll Erde hin und her. "Immer in Bewegung bleiben und die Pfanne unter Wasser halten", sagt der Goldwäscher.

Stundenlang mit gebeugtem Rücken in der Sonne

In den kommenden Monaten wird er diesen Satz oft wiederholen. Von Mai bis September dauert die Saison, und für Franz-Josef Andorf bedeutet sie harte Arbeit. Jeden freien Tag verbringt er am Fluss und zeigt anderen, wie man Gold wäscht.

Seit er vor drei Jahren den ersten Kurs anbot, ist Goldwaschen so beliebt geworden wie seit dem Goldrausch im 19. Jahrhundert nicht mehr. Andorfs Kurse sind ausgebucht. Immer mehr Goldwäscher bieten solche Kurse an, auch an Volkshochschulen gibt es schon Seminare. In der Schweiz verlangen einige Kantone Gebühren für die Erlaubnis, das Gold aus dem Boden zu holen.

Was aber treibt Menschen dazu, stundenlang mit gebeugtem Rücken in der Sonne zu stehen, konzentriert auf ein Häufchen Schlamm zu starren und zu spüren, wie die Arme von der immer gleichen Kreiselbewegung erlahmen? Es ist der Augenblick, in dem sie zum ersten Mal das Glitzern in der Pfanne sehen, wenn das anfangs ungläubige Staunen der Gewissheit weicht, reines Gold vor sich zu haben.

Die Sucht des Siebens

Jedes Körnchen, das ein anderer findet, spornt den eigenen Ehrgeiz an. Wie Jagdhunde, die das Wild nur kurz gewittert haben, ehe es wieder im Gebüsch verschwindet, treibt Goldwäscher der bloße Anblick des funkelnden Metalls immer wieder neu an. Das Graben und Waschen wird zur Sucht, die sich nur mit immer neuen - wenn möglich größeren - Goldfunden befriedigen lässt.

Dabei ist der materielle Wert einer Tagesausbeute gering. An guten Plätzen kommen Profis auf zwei Gramm Gold pro Tag, nach offiziellem Marktpreis würde das 35 Euro bringen. Doch Andorf rät: "Gold aus dem Rhein nie zum Marktpreis verkaufen!" Die Sage um den Nibelungenschatz habe den Preis so in die Höhe getrieben, dass Sammler das Doppelte für Rheingold zahlen.

Goldwaschen kann man an den unbegradigten Abschnitten fast jedes Flusses. In Thüringen, im Elbgebiet, in der Pfalz, im Taunus und in ganz Süddeutschland schwimmen Goldflitter in den Gewässern. Der Rhein aber macht es den Goldsuchern besonders leicht. Alle paar Wochen gräbt er sich ein neues Flussbett. Weil das Edelmetall viel schwerer ist als Wasser, sammelt es sich am Grund und bleibt tief unten im neu entstandenen Kiesufer hängen.

Mit Gefühl aus dem Schlamm

Nach diesem Prinzip funktioniert auch das Goldwaschen: Ein Goldwürfel wiegt etwa 20-mal so viel wie ein gleich großer Würfel voll Wasser. Daher bleibt das Metall an der tiefsten Stelle liegen, wenn der Goldwäscher den Schlamm vorsichtig aus seiner Pfanne schwenkt. Zunächst spülen die Anfänger mit der Erde auch alles Gold weg, doch mit der Zeit entwickeln sie das nötige Gefühl.

Immer öfter rufen jetzt die Goldwäscher nach Franz-Josef Andorf, um ihm stolz ihre Funde zu präsentieren. Seit 40 Jahren Goldwäscher, kennt Andorf die Mischung aus Begeisterung und Erschöpfung in den erhitzten Gesichtern nur zu gut.

Weitere spannende Themen aus dem SZ Wissen finden Sie hier. Das neue Heft bekommen Sie jetzt am Kiosk.

© SZ Wissen 7/2008/mei
Zur SZ-Startseite