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Was darf die Wissenschaft?:Griff nach Chopins Herz

Bachs Schädel, Einsteins Hirn - Tote werden zum Forschungsobjekt. Ist die Wissenschaft wertvoller als die Totenruhe? Stimmen Sie ab!

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Zeichnungen von Leonardo da Vinci

Quelle: SZ

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Der Forschungstrieb mancher Wissenschaftler macht vor Gräbern nicht halt. Sie diagnostizieren auch die Toten, und nicht selten kommt neben verblichenen Gebeinen auch Bizarres und allzu Prosaisches ans Licht. Darf, sollte oder muss die Wissenschaft die Totenruhe der großen Persönlichkeiten stören? Stimmen Sie ab!

Leonardo da Vinci ist das jüngste Beispiel. Italienische Wissenschafter wollen die 500 Jahre währende Totenruhe unterbrechen, die Gebeine des Künstlers exhumieren, sein Antlitz rekonstruieren und Fragen nachgehen wie: War der Künstler tatsächlich Vegetarier?

Zugunsten des Projektes könnte man einwerfen, dass Leonardo selbst den Wissensdrang über moralische Skrupel setzte. Er schaute in menschliche Leichen hinein und war der Überlieferung nach wohl der erste Mensch, der einen Frosch sezierte. So hielt er fest: "Der Forsch stirbt augenblicklich, wenn man sein verlängertes Rückenmark mit einer Nadel durchbohrt. Zuvor überlebte er ohne Kopf, Herz und innere Organe, ohne Darm und ohne Haut".

Ist wissenschaftliche Neugierde ein ausreichendes Motiv, um Tote zu exhumieren?

Foto: Immer an exakter Anatomie interessiert: Zeichnungen Leonardo da Vincis / AFP

Bach Gesichtsrekonstruktion

Quelle: SZ

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Etwas anders liegt der Fall bei Johann Sebastian Bach. Hier nutzte die Wissenschaft einen Schädel, der mehr als 100 Jahre zuvor ausgegraben worden war.

Auf seiner Grundlage arbeiteten zwei Wissenschaftlerinnen jahrelang, um das Gesicht des Komponisten zu rekonstruieren. Was sie 2008 der Welt als Bachs Antlitz vorstellten, sei zu 70 Prozent realistisch, meinten die Forscherinnen. Doch erwiesen ist nicht einmal, ob der Schädel, auf dessen Basis sie modellierten, tatsächlich Bach gehörte.

Darf die Forschung sterbliche Überreste, die ohnehin schon zugänglich sind, nutzen?

Fotos: dpa

Einsteins Hirn

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Ein begehrtes Forschungsobjekt sind auch die Gehirne großer Denker, obwohl gerade ihre Untersuchung manch bizarre Entwicklung nahm.

Am respektvollsten wurde wohl mit Lenins Hirn umgegangen. Nach der Untersuchung wurde befunden, der Philopsoph sei ein "Assoziationsathlet" gewesen, weil sich in seiner dritten Hirnrindenschicht die Pyramidenzellen häuften. Das war in den 1920er Jahren und schon damals ein fragliches Urteil.

Schlechter kam das Hirn des Mathematikers Karl Friedlich Gauß davon. Ein Arzt verglich es mit dem eines "gewöhnlichen Tagelöhners" und kam zu dem Schluss, dass sich beide Organe in jeder Hinsicht gleich seien.

Ein prosaisches Schicksal ereilte auch Albert Einsteins Gehirn. 23 Jahre lang fand es seine vorletzte Ruhe in einem Karton für Apfelsaft unter einem Bierkühler im Büro jenes Pathologen, der das Organ 1955 entnommen hatte. Erst als der Wissenschaftler im Magazin Science klagte, dass sich niemand für das Denkerhirn interessiere, kam ein wenig Schwung in die Untersuchungen. Nun weiß man so viel: Einsteins Hirn war klein, mit dicken Scheitellappen, was auf eine mathematische Begabung hindeute. Außerdem habe es "Beulen" im Scheitellappen, wie man sie bei Musikern findet und das passe zu der Tatsache, dass Einstein Geige spielte.

Ist die Entnahme von Gehirnen für die Forschung gerechtfertigt?

Foto: Aufnahmen vom Gehirn Einsteins / AFP

Seerosen von Claude Monet

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Glaubt man Medizinern, so hat der Altersstil von Claude Monet eine banale Erklärung: Die immer verschwommener werdenden Gemälde beruhen wohl darauf, dass hier ein fast blinder Mann an der Leinwand stand. Bei Monet wurde schon zu Lebzeiten ein Grauer Star diagnostiziert, der ihn zunehmend schwerer Formen und Farben erkennen ließ. Monet - so die Überlieferung - soll sich bei der Farbauswahl an den Etiketten seiner Tuben orientiert haben, und die Farben an den immer gleichen Stellen seiner Palette aufgetragen haben. Monets Spätwerk - nur eine Art Malen nach Zahlen?

Schmälern solche medizinischen Betrachtungen den Wert der Kunst?

Foto: Monets "Seerosen", 1915 entstanden und ein Beispiel für den gröberen Altersstil / dpa

Tänzerinnen von Edgar Degas

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Für mehr als zehn Millionen Dollar wurde Edgar Degas' spätes Ballet-Pastell (rechts) vor kurzem ersteigert. Ob der Besitzer weiß, was mancher Augenarzt davon hält?

Auch die groben Schraffierungen im Spätstil des Degas sollen auf einer Augenkranheit beruhen. Aus einigen Aufzeichnungen hat man rekonstruiert, dass der Künstler an einer Degeneration der Makula litt, einem zunehmenden Ausfall des zentralen Gesichtsfelds. Angeblich soll auch er Farben nicht mehr richtig erkannt haben; Modelle sollen ihm bei der Auswahl der Farbtöne geholfen haben.

Doch während im Fall von Monet die Diagnose als sicher gilt, der Maler sich auch bewusst mit ihr auseinandersetzte, ist Degas' angebliche Erkrankung spekulativ.

Darf man so über Tote spekulieren?

Foto: Stiländerung bei Degas: links ein Gemälde aus dem Jahr 1879, rechts ein Bildnis aus dem Jahr 1896 / AFP/dpa

Beethoven-Denkmal

Quelle: SZ

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Gegenstand ähnnlicher Spekulationen wurde Ludwig van Beethoven - nur dass in seinem Fall die angebliche Diagnose noch mehr geeignet ist, ihn vom Denkmal zu stoßen.

Der Komponist litt wohl seit jungen Jahren an Syphilis, die er sich bei seinen zahlreichen Kontakten zu Prostituierten zugezogen hatte. Dies zumindest behauptet der Bostoner Mediziner Philip Mackowiak, der seit Jahren ein Forum leitet, in dem Ärzte berühmte Tote diagnostizieren. Warum sie das tun? Weil es das diagnostische Denken schule und er mit Überraschung, aber auch Entsetzen festgestellt habe, "wie viel Spaß" das mache, sagt Mackowiak.

Was halten Sie von dem Zeitverteib der Mediziner?

Foto: dpa

Heiliggeistkirche in Warschau

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Nicht immer ist der Forscherdrang auf Anhieb erfolgreich. So scheiterte das Interesse polnischer Ärzte am Herzen von Frédéric Chopin zunächst an Einwänden der Kirche. Das Herz des Komponisten ruht in einem Reliquienschrein in der Heiliggeistkirche in Warschau. Täglich legen Warschauer dort Blumen nieder. Nun aber wollen Ärzte ein Stück des Organs entnehmen, um zu klären, woran der Komponist wirklich starb.

Die Kirche sieht darin die Zerstörung eines Heiligtums. Die Ärzte halten die Bedeutung ihres Vorhabens dagegen. Sie vermuten, Chopin sei nicht wie häufig angenommen der Tuberkulose erlegen, sondern der Mukoviszidose, einer schweren Stoffwechselkrankheit, an der viele Betroffene jung sterben. Die Ärzte sähen es als "Inspiration" für erkrankte Kinder, könnten sie nachweisen, dass Chopin an der Krankheit gelitten und trotzdem Großes geschaffen habe.

Was halten Sie von dem Ansinnen der Mediziner?

Foto: Die Heiliggeistkirche in Warschau / AFP

(sueddeutsche.de/beu/joku)

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