BiologieWo die toten Wale ruhen

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Das Skelett eines Wals am Meeresgrund (Symbolbild).
Das Skelett eines Wals am Meeresgrund (Symbolbild). Placebo365/Getty Images/iStockphoto
  • Forscher haben im südlichen Indischen Ozean einen 1200 Kilometer langen Wal-Friedhof mit 485 Lagerstätten entdeckt, das älteste Fossil ist über fünf Millionen Jahre alt.
  • Die v-förmige Topografie der Diamantina-Bruchzone leitet absinkende Walkadaver in einen schmalen Korridor und konzentriert sie dort auf dem Meeresboden.
  • Die meisten Fossilien stammen von Schnabelwalen, die beim Jagen in der Tiefsee durch Erschöpfung oder Dekompression sterben können.
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Im südlichen Indischen Ozean haben Forscher einen gewaltigen Wal-Friedhof entdeckt, die ältesten Fossilien sind mehr als fünf Millionen Jahre alt. Wie kommt es, dass gerade dort so viele Kadaver liegen?

Von Anna Kammerer

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Was passiert eigentlich mit einem Wal, der nicht wie Timmy an Land obduziert wird, sondern auf hoher See stirbt? In einer neuen Studie im Fachjournal Nature berichten Forscher um Xiaotong Peng vom staatlichen Tiefseeforschungs-Labor im chinesischen Sanya genau darüber. Die Wissenschaftler haben eine Wal-Nekropole entdeckt, die sich über eine Strecke von rund 1200 Kilometern in einer Tiefe von bis zu 7001 Metern im südlichen Indischen Ozean erstreckt – eine Region, die auch als Diamantina-Bruchzone bekannt ist.

Originalbild aus der Forschungsmission: Bergung von Walknochen mithilfe des Greifarms des Tiefsee-Tauchboots am Meeresboden der Diamantina-Bruchzone.
Originalbild aus der Forschungsmission: Bergung von Walknochen mithilfe des Greifarms des Tiefsee-Tauchboots am Meeresboden der Diamantina-Bruchzone. Global TREnD, IDSSE

Mit einem Tauchboot sind die Meeresbiologen insgesamt 32-mal in die Tiefsee hinabgetaucht, um sich einen Überblick über die räumliche Ausbreitung, die vertretenen Arten und die erdzeitgeschichtliche Einordnung zu verschaffen. Sie fanden insgesamt 485 Lagerstätten, pro Quadratkilometer zählten sie Überreste von bis zu 758 Walen. Neben den fossilen Überbleibseln fanden die Wissenschaftler auch fünf „aktive“ Walkadaver im Zersetzungsprozess.

Das Herabsinken eines Walkadavers auf den Grund der Tiefsee, auch Walsturz oder -fall genannt, schafft im Ozean ein neues, einzigartiges Ökosystem. An den fünf aktiven Walfällen dokumentierten die Forscher 35 bekannte Großtierarten. Neben bekannten Arten, darunter Würmer, Krebstiere, Muscheln und Schlangensterne, vermutet das Forschungsteam zudem Funde von neuen Arten. Erstmals fanden die Meeresbiologen zudem Seegänseblümchen in so großer Wassertiefe. Insgesamt erreichten allein die mit bloßem Auge sichtbaren Tiere lokale Dichten von bis zu 2840 Individuen pro Quadratmeter.

Die häufigsten Funde gehen auf tieftauchende Schnabelwale zurück

Auch die paläontologische Analyse von insgesamt 43 Fossilien ergab neue Erkenntnisse: fünf Schnabelwalarten und eine Bartenwalart konnten identifiziert werden. Das älteste Fossil ließ sich auf ein Alter von rund 5,3 Millionen Jahren datieren, also auf das frühe Pliozän. Die überwiegende Mehrheit der Fossilien konnte den Schnabelwalen zugeordnet werden. Der südöstliche Indische Ozean ist ein für sie typisches Habitat. Hinzu kommt laut dem Forscherteam, dass sie Jagd auf Kalmare und Fische in der Tiefsee machen, dafür eigne sich gerade die Diamantina-Bruchzone mit ihrem reichen Angebot an Beutetieren besonders.

Originalbild aus der Studie: Fossile Schädel von drei Schnabelwalen, geborgen aus einer Tiefe von 6584 bis 6878 Metern in der Diamantina-Bruchzone.
Originalbild aus der Studie: Fossile Schädel von drei Schnabelwalen, geborgen aus einer Tiefe von 6584 bis 6878 Metern in der Diamantina-Bruchzone. Global TREnD, IDSSE

Gleichzeitig birgt das Jagen in der Tiefe Risiken: Schnabelwale sind spezialisierte Tiefseetaucher, die vermutlich bis zu 3000 Meter tief jagen können. Erschöpfung oder Dekompression bei zu tiefem Tauchen könnten laut den Forschern in der Zone mit ihren gewaltigen Tiefen weit jenseits von 3000 Metern aber zu Todesfällen führen, die außerhalb der üblichen Mortalität liegen. Das Forschungsteam erklärt die hohe Konzentration an Walfällen auch mit der einzigartigen Topografie: Die v-förmige Beschaffenheit führe zu einer Anreicherung in einem schmalen Korridor.

Hinzu kommt, dass Fossilien in der Region offenbar außergewöhnlich gut erhalten bleiben. Ausschlaggebend dafür sei eine Kombination aus mehreren Faktoren, schreiben die Wissenschaftler: In der Region sinke typischerweise nur wenig Sand und Schlamm auf den Meeresboden, weswegen die Skelette mindestens mehrere Hunderttausend Jahre sichtbar bleiben. Die besondere Knochenhärte und -dichte der Schnabelwale verhindern zudem einen schnellen Zerfall. Weitere chemische Prozesse in und an den Knochen erhöhen die Widerstandsfähigkeit zusätzlich und können bei bereits verschütteten Skeletten zudem die Fossilierung begünstigen.

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