Wahlpsychologie:Lokal der Qual

Nicht nur Wahlprogramme und Politiker-Versprechen beeinflussen die Entscheidung der Wähler. Es spielt auch eine Rolle, in welcher Umgebung die Urnen stehen.

Joachim Marschall

In Fernsehdebatten wird peinlich genau darauf geachtet, dass jedem Kandidaten die gleiche Redezeit zur Verfügung steht. Wer mehr redet, kann schon allein dadurch einen besseren Eindruck hinterlassen.

Wahlpsychologie: Beeinflusst die Wahlkabine das Abstimmungsverhalten?

Beeinflusst die Wahlkabine das Abstimmungsverhalten?

(Foto: Foto: dpa)

Amerikanische Forscher haben nun einen anderen Effekt untersucht, der bislang kaum Beachtung gefunden hat. Auch der Ort des Wahllokals könnte sich unterschwellig auf die politische Entscheidung auswirken.

Psychologen um Jonah Berger von der University of Pennsylvania untersuchten das Wählerverhalten im US-Bundesstaat Arizona im Jahr 2000. Die Bürger waren aufgerufen, direkt für oder gegen eine Steuererhöhung zu stimmen, mit der ein Ausbau der öffentlichen Bildung finanziert werden sollte.

Wähler, deren Wahllokal sich in einer Schule befand, stimmten mit höherer Wahrscheinlichkeit für diesen Vorschlag als Wähler, die in einer Kirche oder einem Gemeindezentrum abstimmten (PNAS, Online-Veröffentlichung). Der Unterschied betrug zwar nur zwei Prozentpunkte, war jedoch über das ganze Land nachzuweisen - unabhängig von regionalen Vorlieben und demographischen Daten.

Die Forscher führen dies auf den Einfluss der Umgebung zurück. Sich in einer Schule zu befinden, könnte bestimmte Verhaltensnormen aktivieren, wie eben die Unterstützung für Schulen und öffentliche Bildung. In einer Laborstudie versuchten die Wissenschaftler, diesen Effekt absichtlich herzustellen.

Sie zeigten ihren Versuchspersonen unter einem Vorwand entweder Bilder aus einer Schule oder aus einem Bürogebäude und stellten sie kurze Zeit später ebenfalls vor die Entscheidung, die Steuern niedrig zu halten oder sie zum Wohle der öffentlichen Bildung zu erhöhen.

Auch hier ließen sich die Probanden in ihrem politischen Urteil beeinflussen. Dabei spielte es keine Rolle, welche Ansichten sie vor dem Experiment über Steuer- und Bildungspolitik zu Protokoll gegeben hatten.

Immerhin zwei Prozentpunkte

Mit der Studie, so die Forscher, sei ihnen ein weiterer Nachweis gelungen, dass sich Wähler nicht unbedingt von ihrer Vernunft leiten lassen.

Ähnliches wurde beispielsweise schon für die Reihenfolge der Kandidatennamen auf dem Wahlzettel gezeigt. Wer weiter vorne auf der Liste steht, habe üblicherweise einen Stimmenvorteil von bis zu zweieinhalb Prozentpunkten. Vor allem bei relativ unbekannten Kandidaten, die auf politisch wenig interessierte Wähler treffen, ist die Reihenfolge wichtig.

Dass die Umgebung einen subtilen Einfluss auf das Verhalten nehmen kann, zeigen mittlerweile auch weitere Experimente. So können beispielsweise Bilder einer Bibliothek bewirken, dass die Probanden etwas leiser sprechen. Bisher wurden solche Effekte jedoch nur selten außerhalb des Labors nachgewiesen - zu viele Einflüsse wirken im Alltag gleichzeitig, als dass sie wissenschaftlich genau erfassbar wären.

Der Psychologe Ulrich Kühnen von der Jacobs University in Bremen ist daher erstaunt darüber, dass sich in der Studie überhaupt ein solcher Einfluss zeigte. "In aller Regel werden Personen ja mit einer bereits gefassten Entscheidung das Wahllokal betreten", sagt Kühnen. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass sich die Umgebung nur in geringem Maße messbar auf das Wählerverhalten auswirkt.

Die Lösung, um den Wähler wieder stärker auf seine Vernunft zu besinnen, liefern die Autoren der amerikanischen Studie gleich mit. Wo möglich, schreiben Berger und Kollegen, sollten Wahllokale am besten in neutralen Orten eingerichtet werden.

© SZ vom 24.06.2008/mcs
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB