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Vulkanausbrüche:"Island ist ja noch in der Pubertät"

Vergangenes Jahr legte der Vulkan Eyjafjalla den europäischen Luftverkehr lahm, jetzt erschreckte der Grímsvötn die Europäer. Geht das nun so weiter? Der Geologe Ari Trausti Guðmundsson über das Warten auf den nächsten Vulkanausbruch.

Etwa 200 Kilometer entfernt von der isländischen Hauptstadt hat der Grímsvötn in den vergangenen Tagen viele Millionen Tonnen Asche in die Atmosphäre gepustet. In Nord- und Mitteleuropa wurden Hunderte Flüge abgesagt, aber über Reykjavik wölbt sich ein strahlender Himmel in subpolarem Blau. Der Geologe und Autor Ari Trausti Guðmundsson will noch am selben Nachmittag zum Krater des Vulkans fahren, um dort erste Proben zu nehmen, "so nah wie möglich ran", wie er voller Vorfreude sagt.

Picture shows smoke from the Grimsvotn volcano, under the Vatnajokull glacier in southeast Iceland

Der Grimsvötn unterhalb des Vatnajökull-Gletschers am 25. Mai 2011. Auf Island gibt es dreißig Vulkansysteme.

(Foto: REUTERS)

SZ: Letztes Jahr der Eyjafjalla, jetzt Grímsvötn, geht dieses geologische Gerüpel jetzt so weiter?

Guð mundsson: Davon gehe ich aus, Island ist ja noch mitten in der Pubertät, die Insel wächst im Schnitt jedes Jahr um zweieinhalb Zentimeter. Wir haben dreißig Vulkansysteme. In den 1250 Jahren, in denen hier Menschen leben, gab es ungefähr 250 Vulkanausbrüche.

SZ: Hat Sie der Ausbruch des Grímsvötn überrascht?

Guðmundsson: Nein, das ist unser aktivster Zentralvulkan, der bricht im Schnitt alle fünf Jahre aus. Überraschend war nur die Heftigkeit.

SZ: Wie entsteht denn diese riesige Aschewolke, die jetzt über Europa hinwegzieht?

Guðmundsson: Durch den Kontakt der Lava mit dem Wasser. In der Caldera, also dem Gipfelkessel des Grímsvötn, befindet sich ein See, der zwischen 100 und 200 Meter tief ist. Darüber kommen dann noch mal ungefähr hundert Meter Eis. Manchmal fließen bei solchen subglazialen Ereignissen unglaubliche Mengen von Schmelzwasser ab: Von den Hängen des Vulkans Katla sind schon mehrfach Schmelzwasserfluten mit 100.000 bis 300.000 Kubikmetern Wasser in der Sekunde runtergegangen, das ist doppelt so viel, wie der Amazonas an seiner Mündung hat.

SZ: Oh, dagegen war der aktuelle Ausbruch ja ein glimpfliches Ereignis. Was steht denn in den nächsten Jahren so auf dem Programm?

Guðmundsson: Die Hekla ist wieder schwanger. Die ist in letzter Zeit mit fast schon mathematischer Genauigkeit alle zehn Jahre ausgebrochen. Der letzte Ausbruch ist elf Jahre her, da braut sich was zusammen.

SZ: Die Hekla? Galt die nicht im Mittelalter als Tor zur Hölle?

Guðmundsson: Das rührt von einem großen Ausbruch im Jahr 1104 her, bei dem sehr viele Höfe in einem fruchtbaren Tal vernichtet wurden. Aber das wirkliche Höllenereignis in der isländischen Geschichte war der Ausbruch des Laki im Jahr 1783. Damals riss auf 25 Kilometern Länge eine Feuerspalte auf und produzierte mehr als 120 Millionen Tonnen Schwefeldioxid. In den folgenden zwei bis drei Jahren starben zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung und die Hälfte aller Tiere. Man sprach in Island von der "Nebelnot".

SZ: Es heißt ja sogar, dass die Französische Revolution 1789 teilweise auf dieses Ereignis zurückzuführen ist.

Guðmundsson: Das wird sich nie genau beweisen lassen. Damals breitete sich allerdings in der gesamten Stratosphäre eine Art Aerosolschirm aus, und in vielen europäischen Schriften und Zeugnissen ist von monatelangem Nebel die Rede. Man kann diese Wolke auch von China bis in die USA nachweisen. In England starben viele tausend Menschen an Hunger. Der Winter 1783/84 war einer der strengsten Winter der Neuzeit, und im Frühjahr 1784 gab es dann in ganz Europa verheerende Überschwemmungen. Das gewaltigste Ereignis aber muss der Ausbruch der Eldgja gewesen sein, der fing im Jahr 934 an.

SZ: Was heißt, der fing da an?

Guðmundsson: Der Ausbruch muss insgesamt sechs bis acht Jahre lang gedauert haben. Er hat unvorstellbare 18 Kubikkilometer Lava produziert. Wenn man sich das als fünf Meter breiten und zehn Meter hohen Strang vorstellt, würde er neunmal um den Äquator fließen. Das war wahrscheinlich das größte vulkanische Ereignis in historischen Zeiten. Aber es hatte nicht ganz so drastische Auswirkungen auf das Klima wie der Ausbruch des Laki, weil es sich sehr viel länger hinzog.

SZ: Wird in den Sagen oder anderen Texten aus der Zeit über diesen Ausbruch berichtet?

Guðmundsson: Nein. Da findet man weder über diesen noch über den Hekla-Ausbruch von 1104 auch nur ein Wort. Das ist fast schon unheimlich.

SZ: Vielleicht wollte man ja anfangs keine neuen Siedler abschrecken. Leben denn wegen all der verheerenden Vulkanausbrüche nur so wenige Menschen hier? Wenn sich die Bevölkerungszahlen so entwickelt hätten wie in den skandinavischen Ländern, müsste es doch viel mehr Isländer geben.

Guðmundsson: Ja, das stimmt. Hier lebten schon um das Jahr 1000 herum, also ziemlich bald nach der Besiedelung, 50.000 bis 70.000 Menschen, aber es wurden dann bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Das liegt jedoch nicht an den Vulkanen, da wurden ja jedes Mal nur ein paar Höfe zerstört. Nein, wir haben uns hier eben an der äußersten Kante des Universums festgesetzt. Schauen Sie sich Kamtschatka und Alaska an, das ist beides auch nicht wirklich überlaufen.