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Vulkan bei Neapel:Leben im Schatten des schlummernden Vulkans

Das Vulkanfeld Campi Flegrei

Ein Geologe nahe einer Rauchsäule auf dem Gebiet der Phlegräischen Felder in Pozzuoli (Italien).

(Foto: dpa)

Unter den Phlegräischen Feldern bei Neapel lauert ein gigantischer Vulkan. Die Bewohner geben sich gelassen, aber Geologen sind weniger entspannt.

Von Oliver Meiler und Marlene Weiß

Wenn es eine Stadt gibt, die alles in sich trägt, Leben und Tod, Schönheit und Abgrund, Geschenke und Gefahren der Natur im Überfluss, dann ist das Neapel. Neapel sehen und dann sterben, zitierte schon Goethe auf seiner "Italienischen Reise". Wo das Sprichwort ursprünglich herkommt und wie es einst gemeint war, ist nicht klar. Die Neapolitaner aber verstehen es so: Wer einmal hier war, hat alles gesehen, der kann ruhig sterben.

Leben und Tod, sie liegen in Neapel nahe beieinander. Kürzlich hat eine viel beachtete Studie gezeigt, dass derzeit vermutlich kein Vulkan der Erde gefährlicher ist als die Phlegräischen Felder mit ihren 29 potenziell eruptiven Zentren im Westen von Neapel. Vielleicht gibt es andere Vulkane, deren Magma noch näher an der Erdoberfläche liegt oder die noch größere Magmakammern haben. Doch kaum einer bedroht unmittelbar so viele Menschen wie die "glühenden Felder", die Campi Flegrei, wie die Italiener sie nennen. Sie erstrecken sich über eine Fläche mit einem Durchmesser von zwölf Kilometern.

Viel ist nicht von ihnen zu erkennen, darum nennt man sie auch gern das "versteckte Monster". Da findet sich kein imposanter Vulkankegel, sondern nur ein riesiger, eingesunkener Kessel, Caldera genannt, der teils unter dem Meer liegt. An Land sieht man Krater, an manchen Stellen steigt Schwefel- oder Wasserdampf auf. Aber als der Vulkan dort vor etwa 40 000 Jahren ausbrach, wurden wohl mindestens 100 Kubikkilometer Magma ausgestoßen. Zum Vergleich: Der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen brachte es bei seinem Ausbruch im Jahr 1991 gerade einmal auf rund fünf Kubikkilometer, und das war eine der heftigsten Eruptionen des 20. Jahrhunderts. Nach jenem Ausbruch der Phlegräischen Felder in der Steinzeit sank die Temperatur in Europa um bis zu vier Grad Celsius. Forscher vermuten sogar, dass das Verschwinden der Neandertaler zumindest teilweise Folge dieses plötzlichen Klimawandels war.

Oft werden die Campi Flegrei als "Supervulkan" bezeichnet. Vulkanologen verziehen dann meist gequält das Gesicht, denn bei echten Supervulkan-Ausbrüchen wird noch viel mehr Material ausgestoßen. Aber das Zerstörungspotenzial der Phlegräischen Felder ist groß genug. Zwar sind extreme Ausbrüche wie jener zur Zeit der Neandertaler sehr selten, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass in den kommenden Jahrtausenden ein weiterer ansteht. Sicher ist aber, dass es in der Region noch immer arbeitet. Und selbst ein kleiner Ausbruch eines solchen Vulkans kann in einer so dicht besiedelten Gegend eine Katastrophe sein.

Um bis zu drei Meter hat sich der Boden seit 1950 in die Höhe bewegt

Was jedoch keineswegs bedeutet, dass sich die Neapolitaner allzu viel Gedanken über die drohende Apokalypse machen, zumal sie sich so wenig bemerkbar macht. Aber vielleicht muss man Neapel sehen, um die besondere Gefühlslage der Menschen dort zu verstehen. Dafür hat Gott das Kap von Posillipo geschaffen, einen mächtigen Felsen aus Tuffstein im Westen der Stadt. Am höchsten Punkt öffnet sich der Blick auf die Buchten und auf die Inseln Ischia, Procida, Capri. Wer es sich leisten kann, der wohnt hier oben, in einer der schönen Villen unter alten Pinien: Fußballer der SSC Napoli, Schauspieler, Unternehmer, alter Adel, Politiker, die es auch national zu einer gewissen Größe gebracht haben. Neapel ist nirgendwo teurer als auf dieser Anhöhe. Wenn es unten in den dichten Vierteln der Stadt heiß ist, dann umweht Posillipo oft eine schöne Brise.

Gegenüber von Posillipo, gar nicht weit weg, erhebt sich der Vesuv, einer der beeindruckendsten Vulkane der Erde, der Hausberg Neapels. Er hat die Form eines Kegels, wie sich das gehört für einen Vulkan. An seiner breiten Basis wird der Vesuv umschwirrt von vielen tausend Häusern: Portici, Torre del Greco, Torre Annunziata und natürlich Pompei und Ercolano - alle diese Gemeinden am Meer schmiegen sich an den Berg. Die Geschichte von Pompeji und Herculaneum, die der Vesuv im Jahr 79 unter Lava und Asche begraben hat, hätte als Lektion dienen können. Doch die Menschheit war noch nie besonders empfänglich für Ratschläge der Geschichte. Und so bauten sie den schmalen Streifen Land zwischen Vulkan und Meer einfach total zu.

Auch westlich von Neapel wurden fleißig Häuser errichtet, auf dem wackligen Grund, den die Aktivität der Phlegräischen Felder mal hebt, mal senkt. Um bis zu drei Meter hat sich der Boden um den Küstenort Pozzuoli seit 1950 in die Höhe bewegt, in mehreren Phasen; eine Weile ging es leicht abwärts, inzwischen wieder aufwärts. In den 1980er-Jahren mussten wegen der starken Verschiebungen bereits Zehntausende ihre Häuser verlassen. Aber dann kam doch kein Ausbruch, und die Menschen kehrten zurück. Gefahr? Ach was.

Womöglich hat das Risiko sogar noch weiter zugenommen. In der aktuellen Studie im angesehenen Fachblatt Nature Communications, die in Italien Schlagzeilen machte, analysierten Christopher Kilburn vom University College London und seine Kollegen die Druckverhältnisse im Untergrund: Demnach könnten die jüngsten Hebungsphasen immer weiter Spannung im Boden aufgebaut haben. Damit würde er fragiler, er könnte leichter nachgeben, wenn Magma unter der Caldera an die Oberfläche drängt. Die Forscher erinnern daran, dass sich auch im 15. und 16. Jahrhundert der Boden in mehreren Phasen anhob - bevor der Vulkan 1538 ausbrach, zum bislang letzten Mal, und einen Hügel namens Monte Nuovo aufwarf. Aber auch Kilburn und seine Kollegen können nicht vorhersagen, wann die nächste Eruption kommt: in einem Monat, in hundert Jahren, oder in zehntausend.

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