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Paläogenetik:Auf den Spuren der ersten Amerikaner

Paläogenetiker Eske Willerslev mit Forschungsobjekten: Auch ein toter Schädel kann noch viele Informationen liefern.

(Foto: Mikal Schlosser)

Vom Pelzjäger in Sibirien zum weltweit anerkannten Experten für alte DNA: Der Däne Eske Willerslev verfolgt die genetischen Spuren der ersten Besiedler Amerikas.

Nur nicht einschlafen, bloß nicht wegdösen, das würde seinen Tod bedeuten. Nicht einmal eine Minute durfte er die Augen schließen, sonst würde er erfrieren, das wusste der spätere Biologe Eske Willerslev in jener Nacht, in den Wäldern Jakutiens, wo er von 1993 bis 1994 als Trapper lebte.

Er hatte Elche gejagt, den Weg zurück ins Lager nicht rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit gefunden. Was tun, fragte er sich, hatte Holz gesammelt, viel zu wenig, ein Feuer entfacht, gewartet. Sein Körper hörte auf zu zittern, eine merkwürdige Hitze durchströmte ihn. Dann, plötzlich, hörte er sie heulen. Wölfe.

Eske Willerslev überlebte die Nacht; doch seine romantische Vision von einem einsamen Dasein als Pelzjäger war für immer zerstört. "Ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anfangen sollte", sagt der heute 48-Jährige. Zurück in seiner Heimat Dänemark schlief er auf dem harten Fußboden, stellte die Heizung aus und haderte mit seinem Biologie-Studium, nicht ahnend, dass er sich schon bald zu einem der führenden Paläogenetiker weltweit entwickeln würde, zu einem der wichtigsten Experten für alte DNA.

Der Forscher redet, als säße er an einem Lagerfeuer

Als erstem Wissenschaftler überhaupt gelang es ihm im Jahr 2010, das uralte Erbgut eines längst verstorbenen Menschen zu sequenzieren, ein 4000 Jahre altes Genom aus Grönland. Heute leitet der 48-Jährige das Center for Geo-Genetics an der Universität Kopenhagen.

Mithilfe von Erbgutanalysen zeichnet er die Wege der Menschheit in den vergangenen 50 000 Jahren nach. "Erst wenn wir wissen, woher wir kommen, können wir verstehen, wer wir heute sind", sagt Willerslev. Die Europäer zum Beispiel, die Australier, die Asiaten. Besonders interessiert ihn, woher die Ureinwohner Amerika stammen. Nach ihren Spuren sucht er immer wieder in Sibirien.

Aus seiner Zeit als Pelzjäger hat er unter anderem einen Mammutknochen mitgebracht; das Mitbringsel lehnt in Willerslevs Büro so selbstverständlich in einer Ecke, als wäre es ein Regenschirm. Der Biologe deutet auf kleine Löcher, die er in den Knochen gebohrt hat. Dort hat er Proben entnommen, um darin nach altem Erbgut zu suchen.

Ihn interessiert auch, wann welche Tiere und Pflanzen in verschiedenen Regionen der Erde vorkamen. "Früher habe ich in meinen Expeditionen nach Sibirien fremde Regionen erkundet. Inzwischen weiß ich, dass ich auch als Genetiker auf der ganzen Welt Entdeckungen machen kann", sagt Willerslev. Mit seiner dunkelblauen Fleecejacke, dem schlichten rosa T-Shirt darunter und Jeans sieht er heute noch aus, als würde er lieber wandern gehen, statt auf einem Holzstuhl in seinem kargen Büro zu hocken.

Tatsächlich redet er auch ein wenig, als säße er an einem Lagerfeuer, während er vom Ursprung seiner Forschungsinteressen spricht. Er erzählt zunächst wieder von jener eiskalten Nacht im Wald, schließlich von einem Felljäger, der einmal in die Eisdecke eines Sees einbrach und den er mit dem Schaft seines Gewehrs aus dem Wasser ziehen musste.

Und immer wieder berichtet er von den uralten Knochen der Mammuts oder Bisons, die von den Flüssen Sibiriens an die Ufer gespült werden wie Muscheln an einen Strand.

Im versteinerten Kot fand sich 14 000 Jahre alte DNA

Vor etwa 13 000 Jahren, zum Ende der letzten Eiszeit, entstand dort eine Landbrücke, die nach Alaska führte. Der Genetiker redet laut, mit tiefer Stimme, zeichnet mit der Hand den Korridor nach, dem schon bald die ersten Menschen folgten, um den amerikanischen Kontinent zu besiedeln. Lange Zeit dachten Archäologen, dass diese nach dem Fundort Clovis in New Mexico benannten Menschen die Ureinwohner Amerikas waren.