Vordenker des Internets Im Wettlauf mit den eigenen Visionen

Vinton Cerf hat unter anderem das Internet-Protokoll entwickelt. Der rasche Fortschritt der Informatik versetzt aber sogar ihn immer wieder in Erstaunen. Dass es einmal Lampen mit IP-Adresse geben würde, das war früher ein Witz für ihn.

(Foto: El Mundo/imago)

Vinton Cerf ist einer der Erfinder des Internets. Heute arbeitet der Vizepräsident von Google an interstellarer Kommunikation. Doch einige seiner Ideen haben ihn überholt.

Von Andrea Hoferichter

Wenn Vinton Cerf das Internet von heute auf seinem Laptop präsentiert, ist eine Art Pusteblume im Farbenrausch zu sehen: gelbe, rote, grüne und blaue Miniexplosionen, die zusammen ein fluffiges Rund ergeben. Der Chief Evangelist, sprich Leiter der Innovations- und Strategieabteilung von Google, erklärt: "Die Grafik zeigt die Vielfalt der unterschiedlichen Netzwerke im Internet." Hunderttausende seien es mittlerweile, Tendenz weiter steigend. Besonders wichtig ist ihm: "Es gibt keine Hierarchien, alles ist organisch gewachsen." Jeder, der eine Dienstleistung anbieten möchte, könne das ganz einfach tun, kann Hard- und Software selber bestimmen und auch, mit wem er sich unter welchen Bedingungen vernetzen möchte.

Der Amerikaner gilt als einer der Väter des Internets. Anfang der Siebzigerjahre entwickelte er gemeinsam mit Robert Kahn die Grundlagen für das universell nutzbare Netzwerk: das Transmission Control Protocol (TCP) und später das Internet Protocol (IP), zusammen kurz das TCP/IP-Protokoll. Es sorgt dafür, dass hochkomplexe Inhalte als kleine Datenpakete gesendet werden können, "wie wenn man Seiten eines Buchs als Postkarten verschicken würde", so Cerf. Und zwar so, dass die Päckchen ohne Verluste und richtig sortiert beim Empfänger ankommen.

Im Internet, das offiziell 1983 startete, sieht Cerf noch immer ein Meer an Möglichkeiten. Das Internet der Dinge etwa ist eines von Cerfs Lieblingsthemen. In Vorträgen erzählt er gerne von Kühlschränken, die Rezeptvorschläge formulieren und Weinkorken, die die Qualität des Flascheninhalts verraten. Auf die Idee kam der Internetpionier aus privatem Interesse, besitzt er doch einen mit 2000 Flaschen gefüllten Weinkeller. "Das Internet der Dinge birgt aber auch eine Menge Herausforderungen", betont er. Milliarden Geräte müssten gemanagt und immer wieder mit aktueller Software versehen werden. Die Netzwerke sollten sicher sein, das Risiko für Hackerangriffe weitestmöglich gesenkt und die Privatsphäre der Nutzer geschützt werden.

Ein anderes Thema, das Cerf umtreibt, ist eine zukunftssichere Datenspeicherung. "Was wäre, wenn die Medien, auf denen wir Informationen gespeichert haben, irgendwann nicht mehr lesbar sind, entweder weil die Speichermedien altern oder weil die Technik dafür fehlt?", fragt er. "Wenn unsere Fotos, Tweets und E-Mails nicht mit den Betriebssystemen und der Hardware in der Zukunft kompatibel wären?" Man denke nur an Floppy-Disks, die heute bestenfalls mit Museumsgeräten ausgelesen werden können. Das Wissen ganzer Generationen könnte verloren gehen. Deshalb müssten geeignete Lösungen gefunden werden und Geschäftsmodelle, die für eine Archivierung über Jahrhunderte oder Jahrtausende taugen.

Nicht zuletzt arbeitet Cerf seit mehr als 15 Jahren an einem Internet fürs All. Eine Herausforderung, denn die Übertragungswege zwischen den Planeten sind schlicht zu lang für ein Internet nach irdischem Vorbild. Rückmeldungen über überlastete Knotenpunkte etwa kommen erst nach Minuten oder gar Stunden an. Verzögerungen ergeben sich zudem, weil Planeten rotieren und Sender und Empfänger nur zu bestimmten Zeitpunkten auf einer Linie liegen. Deshalb hat Cerf ein System entworfen, das größere Datenpakete, sogenannte Bundles, zwischenspeichern kann und erst dann weiterleitet, wenn eine Station mit freien Kapazitäten erreichbar ist. Erste Erfolge gibt es schon: Ein Prototyp des Planeten-Internets verbindet Mars, Erde und die Internationale Raumstation ISS (International Space Station) der Nasa.

Für seine Arbeit wurde der 73-jährige Wissenschaftler mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter die Freiheitsmedaille des Präsidenten der USA und der A. M. Turing Award, der oft als Nobelpreis der Informatik gehandelt wird. Doch nicht nur deshalb fühlt Cerf sich beim Preisträgertreffen in Heidelberg schon fast zu Hause. "Ich mag es, alte Freunde zu treffen und mit jungen Forschern zu diskutieren, die immer neue Fragen stellen und die Wissenschaft herausfordern", sagt er. Besonders spannend findet er zurzeit, wie Naturwissenschaften buchstäblich berechenbar gemacht werden können, die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und die enormen Fortschritte, die bei neuronalen Netzwerken erreicht wurden.

"Diese Entwicklungen sind unter anderem für selbstfahrende Autos oder die Sprachentwicklung von Maschinen wichtig", betont Cerf. Er könne sich zum Beispiel durchaus vorstellen, dass in künftigen Konferenzen Rechner als Experten zu Rate gezogen werden. "Ähnlich wie Captain Kirk in den 'Star Trek'-Filmen 'Computer' ruft und dann von oben die Stimme von Majel Barrett-Roddenberry antwortet", erklärt der Science-Fiction-Fan.

Auch andere Visionen aus Science-Fiction-Filmen könnten dem Forscher zufolge bald Wirklichkeit werden: einpflanzbare Minimotoren etwa, mit deren Hilfe Querschnittsgelähmte ihre Beine und Arme wieder benutzen können, Netzhautimplantate, die Blinde wieder sehen lassen, oder Raumschiffe mit Ionenantrieb für schnelle Reisen zu fernen Planeten.

Manchmal fühlt sich Cerf ohnehin wie in einer Zeitmaschine. Die ersten Router, mit denen er in den Siebzigern arbeitete, waren so groß wie Kühlschränke und teuer wie Luxuslimousinen. Niemals hätte er sich damals vorstellen können, dass die Geräte auf Daumengröße schrumpfen und das Internet eine Massentechnologie werden würde. Wegen der rasanten Entwicklung zündet auch mancher Witz aus Pionierzeiten nicht mehr. Gerne habe er geflachst, dass in Zukunft jede Glühbirne eine IP-Adresse haben werde. Das ist heute Realität: Lampen, die über das Internet gesteuert werden, gibt es längst zu kaufen.