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Abgründe der menschlichen Psyche:Narzisstische Machtphantasien

Auch andere Experten halten sich mit Ferndiagnosen zurück. Doch könne ein "Ausagieren von narzisstischen Macht- und Größenphantasien" bei dem norwegischen Täter unterstellt werden, sagt Hans-Peter Hartmann, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Heppenheim.

Für ein starkes narzisstisches Moment spreche die gottesähnliche Macht, die sich Breivik selbst zusprach, indem er sich zum Herrn über Leben und Tod machte. "Eine grandiose Vorstellung von den eigenen Möglichkeiten ist für die meisten Formen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung typisch, seine Selbstinszenierung in verschiedenen Uniformen im Netz passt dazu."

Vor Gericht wollte Breivik öffentlich in Uniform auftreten. Publikum wie Verkleidung blieben ihm jedoch verwehrt. Uniformen zeichnen sich schon Sigmund Freud zufolge dadurch aus, dass alle auf sie blicken - und ähneln daher der Nacktheit. Andere Menschen, Verwandte und Freunde gar, dienen ausgeprägten Narzissten nur dazu, über sie zu verfügen. "Die dünnhäutigen Narzissten sehen Therapeuten öfter, die denken ständig, andere hätten etwas gegen sie", sagt Hartmann. "Die Dickhäutigen hingegen lassen sich nicht behandeln, ihnen fällt erst etwas auf, wenn sie im Job gekündigt werden oder die Frau sie verlässt."

Bei extremer Selbstbezogenheit kann eine Kränkung des Selbstwertgefühls zu einem "malignen Narzissmus" führen, wie der Psychoanalytiker Otto Kernberg diese Form der Persönlichkeitsausprägung genannt hat. Andere Menschen werden dann nicht mehr als humane Subjekte gesehen, sondern als dehumanisierte Objekte, die wahllos niedergeschossen werden können.

Breivik hat offenbar keine Rührung verspürt, sondern gelacht und sich von seinem Auftrag erfüllt gefühlt, während er die Jugendlichen umbrachte. Starke Emotionen wie Hass und Wut können ein labiles Selbstwertgefühl stabilisieren. Das selbstzufriedene Lächeln, das Breivik auf dem Weg zum Gericht zeigte und seine Überzeugung, nicht schuldig zu sein, sprächen ebenfalls dafür, dass er sich im Recht fühlte.

Unauffällig wie Oberlehrer Wagner

Es wäre zwar tröstlich, wenn zukünftige Massenmörder vor der Tat an typischen Eigenheiten erkannt werden könnten. Doch leider gibt es diese Hinweise höchstens sehr versteckt. "Solche Leute fallen nicht auf, weil sie Stimmen hören oder Halluzinationen haben, sie sind vielmehr von einer inneren Überzeugung bestimmt, die unverrückbar ist", sagt Hartmann.

Im Kollegen- oder Freundeskreis würden sie daher wohl ebenso wenig Aufmerksamkeit erregen wie der Oberlehrer Wagner, der 1913 in Degerloch seine Frau und vier Kinder erschoss, bevor er im Nachbarort mehrere Häuser anzündete und wahllos zwölf der vor den Flammen Flüchtenden erschoss.

"Es gibt niemanden, der in einen Menschen hineinschauen kann", sagt Josef Wilfling, mehr als 20 Jahre Leiter der Mordkommission bei der Münchner Polizei. "Der Mord ist ganz tief im Menschen drin. Jeder trägt das Böse in sich, es kommt nur darauf an, ob es ausbricht."

Der erfolgreiche Ermittler, der auch den Sedlmayr- und den Moshammer-Mord aufklärte, hat es bei "mindestens 90 Prozent der Mörder mit einem völlig normalen Leben" zu tun gehabt. In seinem Buch "Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden" vergleicht er die Veranlagung zum Mord mit der Veranlagung für Krebs; jeder trage es in sich, aber Umwelteinflüsse und Prägungen entscheiden darüber, ob es zum Ausbruch kommt.

Das ist eine Einsicht, die der Öffentlichkeit schwerfällt. Die hat es lieber, dass ein Mörder "mad or bad" ist, verrückt oder böse eben; ein Irrer oder ein Verbrecher - jedenfalls vom Normalen extrem abweichend. Doch auch eine neue Generation von Sozialtheoretikern hat in den vergangenen Jahren auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht, der seit Jahrtausenden in jeder Gesellschaft zu finden ist: Dass Menschen sich untereinander Gewalt antun.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer etwa schilderte in seinen Täteranalysen, wie ganz normale Familienväter im Reserve-Polizeibataillon 45 ungerührt 12.000 Juden abschlachteten. Immer wieder gibt es Massaker, bei denen nahezu alle dabei sind, so etwa am 16. April 1994 in Ruanda, als Angehörige der Volksgruppe der Hutu im Ort Nyarubuye nur mit Knüppeln und Macheten 20.000 Tutsi erschlugen, die sich in eine Kirche geflüchtet hatten.

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