Vogelsterben:Manche Bestände sind um fast 100 Prozent geschrumpft

Das Risiko für die Henne, von einem Fuchs oder anderen Beutegreifer erwischt zu werden, ist in weniger als zehn Meter breiten Landschaften "doppelt so hoch wie in breiteren und flächigen Strukturen", also etwa spät gemähtem Grünland oder Brachen. "Nester in Linearstrukturen", wie etwa langen Zuckerrübenreihen, "bergen also offensichtlich ein höheres Risiko, von Prädatoren aufgefunden zu werden", schreiben die Experten. Zudem scheinen Blühstreifen mitten im Feld statt am Wegrand tauglicher zu sein, da sie abseits der Fuchs-Trampelpfade liegen. Manche Blühstreifenprogramme der Länder nehmen darauf aber nicht ausreichend Rücksicht. Drei Meter breite Streifen (wie in Bayern) oder nur fünf Meter breite (wie in Hessen) wären nach den Erkenntnissen des Projekts zu schmal.

Im Projekt in Göttingen ging man einen anderen Weg, der auch das Insektenleben bereichert. Im ersten Jahr wird der Streifen gesät, im zweiten die Hälfte jeden Blühstreifens neu bestellt. Auf dem unbearbeiteten Teil verbleibt die vorjährige Vegetation. Ideal für den Nestbau.

Doch die Populationen wieder zu vergrößern ist aufwendig und teuer. Um 1000 Rebhuhn-Paare zu erhalten, sind 1500 Hektar Blühstreifen nötig. Das kostet bei einer Entschädigung von 975 Euro im Jahr 1,4 Millionen Euro. Oder 731,25 Euro je Huhn.

Der Rückgang ist wohl höher, als offizielle Zahlen es nahelegen

Der negative Einfluss der modernen Landwirtschaft und der Agrarpolitik zeigt sich auch bei anderen Vogelarten. Der Indikator "Artenvielfalt und Landschaftsqualität", erhoben vom Bundesamt für Naturschutz als Teil der Erfolgskontrolle der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, liegt für den Bereich Agrar bei gerade 61 Prozent. Angestrebt werden 100 Prozent, das Ziel wird seit Jahren verfehlt.

Doch stimmen diese Zahlen überhaupt? Oder ist alles viel schlimmer? Denn der Indikator geht von dem Stichjahr 1990 aus und damit von einem Zeitpunkt, zu dem ein großer Teil der einst vorhandenen Vielfalt bereits vernichtet war. Das wird an folgendem Rechenbeispiel deutlich: Wenn Ornithologen heute beklagen, dass in den letzten 35 Jahren die Zahl der Rebhühner um mehr als 90 Prozent zurückgegangen ist, dann unterschlägt diese Aussage stets den Ausgangswert. Der dürfte bereits in den 1980er Jahren bei vielleicht 20 Prozent des Werts gelegen haben, der noch in den 1950er Jahren galt und bei zehn Prozent, zieht man die Bestände von vor 80 Jahren heran. Ergo: Lebten in einer Gemarkung 1955 noch 100 Rebhühner, waren es 1980 noch 20 - und heute sind noch ein oder zwei übrig geblieben.

Dieser brutale Rückgang wird genauso bei der Grauammer beobachtet. So haben Untersuchungen des Ornithologen Ralf Joest gezeigt, dass von einst 1800 singenden Grauammern im EU-Vogelschutzgebiet Hellwegbörde so gut wie keine mehr übrig geblieben ist: Die Art sei in der Kulturlandschaft am Südostrand der westfälischen Bucht in Nordrhein-Westfalen "praktisch ausgestorben" - obwohl dort vor zehn Jahren extra ein Schutzprogramm aufgelegt wurde.

Auch bei der Grauammer sind jüngere Zahlenvergleiche verharmlosend. Wenn man nur die vergangenen 20 Jahre betrachtet, dann ergibt sich zwar auch schon ein Rückgang um fast 100 Prozent, und zwar von rund 150 Paaren auf ein bis zwei. Geht man weiter in die Vergangenheit zurück, verzehnfacht sich das wahre Desaster, denn es waren Anfang der siebziger Jahre 1800 Reviere. Joests trauriges Fazit: Wer heute mit der Erfassung der Arten beginnt, "der bekommt den Verlust überhaupt nicht mehr mit".

Ganz ähnlich die zeigt sich das bei der Feldlerche: Allein zwischen 1998 und 2015 sackte die Population der Feldlerche deutschlandweit um mindestens 20 Prozent ab, in Schleswig-Holstein hat sie sich halbiert, in den Landkreisen Offenbach und Main-Taunus am Rande von Frankfurt schrumpfte die Population um 60 Prozent. "Mindestens dort ist in 20 Jahren ein Aussterben wahrscheinlich", prophezeit Stübing.

Diesem Drama steht ein Hoffnung machendes Projekt entgegen, das zeigt: Wenn man sich dem Schutz einer Art besonders widmet, dann kann sich der Erfolg auch einstellen. Am Federsee in Oberschwaben gelang es durch Schutz und Pflege der Lebensräume, den Trend umzukehren. 1980 lebten in den Feuchtwiesen 60 bis 80 Paare des Braunkehlchens. Heute sind es dreimal so viele, 170 bis 230. In ihrem Gefolge fühlen sich Wiesenpieper, Feldschwirl und Rohrammer wohl. Möglich wurde der Aufschwung durch die Überschwemmung einst von der Landwirtschaft trocken gelegter Wiesen, aber auch durch einen Rückzug der Landwirtschaft aus Moor und Feuchtwiesen.

Doch solche Erfolge sind selten. Vor 50 Jahren war das Braunkehlchen ein Allerweltsvogel und Profiteur der Dreifelderwirtschaft, bei der immer ein Acker brach lag und alte Pflanzenstängel als Ausguck nach Nahrung sowie zur Reviermarkierung stehen blieben. Heute ist der leichte Vogel in die ökologische Falle von Insektenschwund und frühe Mähtermine geraten. Ganz wie das Rebhuhn.

Dieser Text ist zunächst in einer Sonderausgabe der Zeitschrift natur erschienen, dem Magazin für Natur, Umwelt und besseres Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation.

© SZ.de/chrb
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