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Tierschutz:Wie kann man verhindern, dass Vögel gegen Fensterscheiben fliegen?

Vogelschutzaufkleber an einem Fenster in der niedersächsischen Bildungsstätte Jugendhof Steinkimmen

Sieht ganz nett aus, hilft aber leider wenig: Vogelaufkleber an einer Scheibe.

(Foto: imago stock&people/imago/Eckhard Stengel)

Visuelle Warnsignale wie Silhouetten von Raubvögeln bringen wenig oder gar nichts. Jetzt haben Biologen mit Geräuschen bessere Ergebnisse erzielt.

Von Tina Baier

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr mehr als 100 Millionen Vögel, weil sie im vollen Flug gegen Fensterscheiben prallen. Viele brechen sich dabei den Hals und sind sofort tot. Andere liegen nach der Kollision benommen am Boden, rappeln sich zunächst wieder auf, sterben aber später an inneren Verletzungen.

Wirklich wirksame Methoden, das zu verhindern, gibt es nicht. Die meisten sind mehr oder weniger hilflose Versuche, das Glas für die Vögel irgendwie sichtbarer zu machen. US-Biologen sind jetzt einen anderen Weg gegangen und haben die Tiere mit akustischen Signalen vor der Gefahr gewarnt - mit Erfolg, wie sie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Plos One berichten.

Dass Vögel Glasscheiben nicht als Hindernis erkennen, hat mehrere Gründe: Oft spiegelt das Glas die Umgebung. Die Tiere sehen dann beispielsweise einen Baum, den sie für real halten und steuern sogar noch auf die Gefahr zu. Einen ähnlichen Effekt können Grünpflanzen auf dem Fensterbrett haben, die den Tieren einen sicheren Ruheplatz vorgaukeln.

In anderen Fällen nehmen die Tiere das transparente Glas schlicht nicht wahr. Besonders gefährlich sind verglaste Bushäuschen oder durchsichtige Lärmschutzwände. Die Tiere sehen die Landschaft auf der anderen Seite des Hindernisses und denken, dass sie freien Flug haben. Denselben Effekt haben Gebäude, die über Eck verglast sind.

Die Evolution konnte nicht ahnen, dass Menschen irgendwann Hindernisse in den Himmel bauen

"Das Ziel, solche Strukturen für Vögel sichtbarer zu machen, wurde oft aus Menschen- und nicht aus Vogelperspektive angegangen", schreibt das Team um den Biologen Timothy Boycott von der Universität William & Mary in Virginia. Die schwarzen Silhouetten von Raubvögeln etwa, die oft als Aufkleber an größeren Glasflächen angebracht werden, bringen so gut wie gar nichts. Die Idee, dass die Tiere nicht an einen Ort fliegen, an dem sich ihre Feinde aufhalten, funktioniert nicht. Zum einen, weil die Tiere die Aufkleber gar nicht als Feind wahrnehmen. Zum anderen, weil sie versuchen, sie zu umfliegen und dann ein paar Meter weiter gegen die Scheibe knallen.

Dazu komme, dass die Augen der Vögel seitlich am Kopf sitzen, schreiben die Studienautoren. Aus diesem Grund können sie beispielsweise besser als Menschen sehen, was seitlich von ihnen passiert - eine Fähigkeit, die unter anderem wichtig für die Navigation ist. "Im Flug schauen Vögel wahrscheinlich mehr zur Seite oder nach unten als direkt nach vorne", vermuten die Forscher. Dass direkt vor ihnen plötzlich Hindernisse aufragen, ist in der Welt der Vögel nicht vorgesehen, schließlich haben sich die Tiere im Lauf der Evolution entwickelt, lange bevor Menschen damit begonnen haben, riesige Barrikaden in den Himmel zu bauen.

All diese Überlegungen haben die Wissenschaftler dazu veranlasst, die Vögel nicht nur durch optische, sondern zusätzlich durch akustische Signale vor der Gefahr zu warnen. Für ihr Experiment wählten sie zwei mehr als hundert Meter hohe Gebäude auf der Delmarva-Halbinsel an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Beide stehen mitten in der Landschaft und sind von Wäldern und Äckern umgeben.

Um die Vögel vor dieser Gefahr akustisch zu warnen, setzten die Biologen zwei verschiedene Töne ein. Der eine lag im Bereich zwischen vier und sechs Kilohertz, der andere hatte eine Frequenz zwischen sechs und acht Kilohertz. Mehrere Tage lang beschallten sie die Umgebung der Gebäude über Lautsprecher im 30-Minuten-Takt. Die dazwischen liegenden Ruhepausen dienten als Kontrolle. Die ganze Zeit über wurde das Verhalten der Vögel mithilfe von Spezialkameras aufgezeichnet.

Die Auswertung der Daten zeigte, dass beide akustische Warnsignale funktionierten. Während der Beschallung registrierten die Forscher zwölf bis 16 Prozent weniger Vögel in der Nähe der Gebäude als in den Phasen, in denen es ruhig war. Der niedrigfrequentere Ton war dabei etwas effektiver: Die Tiere drehten früher ab. Bei beiden Signalen schienen Vögel, die den Gebäuden trotz der Geräusche gefährlich nahe kamen, wenigstens abzubremsen, zumindest flogen sie deutlich langsamer.

Für Gebäude oder auch Windkraftanlagen, die wie die beiden Versuchstürme weit entfernt von anderen Häusern stehen, könnten akustische Warnsignale also dazu beitragen, den Vogelschlag zu verringern. Mögliche negative Auswirkungen der Lärmbelastung haben die Wissenschaftler nicht untersucht. In dichter besiedelten Gegenden wäre die Methode aber wahrscheinlich keine Lösung, weil die Warntöne in einem Frequenzbereich liegen, den auch Menschen hören können.

© SZ/weis
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