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Seuchen:Vogelgrippe-Alarm an der Küste

Nonnengänse Weißwangengänse Branta leucopsis auffliegender Vogelschwarm Nordseeküste Nordfries

Vor allem Weißwangengänse sind betroffen.

(Foto: Justus de Cuveland/imago images / imagebroker)

Ein massiver Ausbruch der aviären Influenza besorgt Tierzüchter und Vogelschützer an der Nordsee.

Von Thomas Krumenacker

Bis vor Kurzem haben Großstädter Martin Kühn bei ihren Besuchen an der Küste um seinen menschenleeren Arbeitsplatz an der frischen Luft beneidet. Der Ex-Berliner Kühn ist seit vielen Jahren Ranger im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Dieser Tage aber läuft Kühn häufig mit Schutzmaske der höchsten Stufe FFP3 durch das Naturparadies. Das ist nötig, denn das Virus ist im Wattenmeer angekommen. Allerdings muss sich der Ranger unter dem weiten Himmel des Watts nicht vor Sars-CoV-2 schützen, sondern vor H5N5, H5N8 oder H5N1, drei hochpathogene Subviren der aviären Influenza, besser bekannt als Vogelgrippe oder auch Geflügelpest.

Seit Ende Oktober breitet sich die Tierseuche entlang der deutschen Küste unter den Hunderttausenden dort auf ihrem Zug rastenden Wasservögeln aus. Mit Gesichtsmaske, Handschuhen und Schutzbrille stapfen Kühn und seine Kollegen deshalb dieser Tage in gelben Ganzkörperanzügen mit hochgezogener Kapuze durch die Vorländer entlang der Deiche und versuchen, möglichst viele an der Seuche gestorbene Vögel zu bergen. Denn die Vogelgrippe ist hochpathogen und eine weitere Ausbreitung durch aasfressende Vogelarten wie Silber- und Mantelmöwen, Kolkraben oder Seeadler soll verhindert werden.

Die gute Nachricht: Derzeit gibt es nach Einschätzung der Tierseuchenexperten des staatlichen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) keine Hinweise auf ein zoonotisches Potenzial der Viren, also der Fähigkeit, wie Sars-CoV-2 vom Tier auf den Menschen überzuspringen. Dennoch wurde für alle, die mit erkrankten oder toten Vögeln beim Einsammeln, der Entnahme von Abstrichen oder beim Verbrennen der Kadaver in Kontakt kommen, höchste Vorsichtsmaßnahmen angeordnet.

In Nordfriesland sind besonders viele Vögel betroffen

Außer im Watt wurden die Erreger auch in mehreren Geflügelhaltungen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern nachgewiesen. Infizierte Wildvögel wurden mittlerweile in allen deutschen Küstenländern gefunden, teilweise auch im Binnenland. Der Seuchenausbruch ist aber kein rein deutsches Phänomen. Auch in Dänemark, Großbritannien, Irland, Frankreich und in den Niederlanden mussten nach Ausbrüchen in Geflügelfarmen zahlreiche Hühner getötet werden.

Schwerpunkt in Deutschland ist die schleswig-holsteinische Nordseeküste und hier vor allem der Kreis Nordfriesland. Mehr als 9600 Wildvögel hätten Ranger und Mitarbeiter des Küstenschutzes bis zum Dienstag bereits tot oder sterbend geborgen, sagt Hendrik Brunckhorst, der mit anderen Fachleuten in einem Krisenstab das Geschehen analysiert. Zwar hat es in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Ausbrüche der Vogelgrippe in Deutschland gegeben. Aber diesmal sind deutlich mehr Tiere betroffen.

Von "noch nie dagewesenen Dimensionen" spricht der Umweltverband WWF Deutschland. Auch Kühn nennt die Situation schockierend. Allein an einem Tag in der vergangenen Woche hat er mit einem Kollegen des Küstenschutzes auf einem etwa 15 Kilometer langen Deichabschnitt südlich von Dagebüll 345 verendete Vögel geborgen, in Säcken luftdicht verpackt und zur Vernichtung abtransportiert.

Betroffen sind mit großem Abstand vor allem Weißwangengänse, eine arktische Vogelart, die im Wattenmeer auf dem herbstlichen Durchzug Station macht und in milden Wintern auch in großer Zahl hier überwintert. Mit weitem Abstand folgen Pfeifenten. Zusammengenommen machen beide Arten nach Angaben von Brunckhorst etwa zwei Drittel aller tot aufgefundenen Vögel aus. Insgesamt wurden die Erreger bislang in mehreren Dutzend Vogelarten nachgewiesen: Auch Großmöwen, Brachvögel, Austernfischer, Alpenstrandläufer, Mäusebussarde und Seeadler sind darunter.

Festzustellen, welche Vogelarten besonders stark betroffen sind, könnte sich als wichtige Spur bei der Suche nach der Ursache des aktuellen Seuchengeschehens erweisen. Bei früheren Ausbrüchen hatte es von einigen Wissenschaftlern Kritik an der raschen "Schuldzuweisung" durch die Behörden an die Zugvögel gegeben. Denn die Ausbreitungsmuster der Seuche passten nicht gut mit den Zugwegen der damals betroffenen Arten zusammen. Die Handelswege von Zuchtgeflügel und Tierfutter wurden von manchen Experten als die wahrscheinlicheren Übertragungswege erachtet. Beim derzeitigen Ausbruch könnte die Verbreitung über Wildvögel hingegen plausibler sein.

Nach Analysen des FLI wurden seit Ende Juli zahlreiche Fälle der Vogelgrippe in Russland und Kasachstan gemeldet. Fälle seien westlich bis hin zum Schwarzen Meer bekannt geworden. Das passt mit dem Brut- und Durchzugsgebiet eines Teiles der Pfeifenten-Population zusammen, sagt auch auch Brunckhorst. Die besonders starke Betroffenheit von Weißwangengänsen, die andere Brut- und Zugwege haben, könnte sich durch ihre Biologie erklären, vermutet Brunckhorst. Wie wenige andere Arten vermischten sich die Gänse mit Pfeifenten und nutzten gemeinsam mit diesen immer dieselben wassernahen Grasflächen zum äsen in großer Zahl. Durch den Kot und die hohe Dichte könne sich der Erreger so gut ausbreiten, vermutet der Biologe. Vogelarten dagegen, die am Spülsaum des Wattenmeeres nach kleinen Tieren als Nahrung suchten, wie Strandläufer, Pfuhlschnepfen und Austernfischer sind, entsprechend möglicherweise auch deshalb weniger stark betroffen, weil die Flut nicht nur regelmäßig den Tisch für die Tiere neu mit Nahrung deckt, sondern ihn auch reinigt.

Auch der Naturschutzmediziner Oliver Krone vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) hält eine Verbreitung der Krankheit über Zugvögel diesmal für plausibel. Infizierte Geflügelprodukte spielten lokal bei derartigen Ausbrüchen in geschlossenen Betrieben möglicherweise eine Rolle, sagt Krone. "Aber sicher ist mittlerweile wohl auch, dass das Virus über die Zugvögel Richtung Westen gelangt."

Bedroht das Virus den Bestand von Seeadlern?

Doch selbst, wenn die Zugvögel das Virus auf dem langen Weg mitgebracht haben sollten, bleibt die "Schuld" für das Auftreten des Virus doch beim Menschen. Denn der Ursprung der Viren geht auf die intensive Freiland-Geflügelhaltung in Südostasien zurück. Die dort in riesiger Zahl dicht an dicht halbwild gehaltenen Zuchtenten vermischten sich an Teichen und Seen mit durchziehenden Wildtieren und übergeben so das Virus wie einen Staffelstab an die wilden Verwandten. "Diese künstliche Ansammlungen von Haustieren führen zu idealen Bedingungen für Infektionen mit und Mutationen der Viren", sagt Krone. "Mit neuen Eigenschaften landen sie dann hier."

Während der Tod einiger Tausend Weißwangengänse und Pfeifenten bei einer Gesamtpopulation von jeweils mehr als einer Million Paare für diese Arten keine Bedrohung darstellt, sorgt sich Krone um den auch diesmal wieder betroffenen Seeadler.

Gemeinsam mit Kollegen des FLI hat der Wissenschaftler bei einem früheren Ausbruch der Vogelgrippe nachgewiesen, dass die offenbar gegen den ursprünglich aufgetretenen Vogelgrippe-Erreger H5N1 resistenten Seeadler durch die Mutante H5N8 getötet werden können. Weil die Art trotz eines erheblichen Aufschwungs in den vergangenen Jahren insgesamt viel seltener ist als Gänse oder Enten, könnte ein massiver Ausbruch die Bestände des deutschen Wappenvogels in ihrem Kernverbreitungsgebiet im Ostsee-Raum, aber auch an der Nordsee in Bedrängnis bringen, fürchtet Krone.

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