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Vogelgesang:Es ist die Nachtigall - oder doch nicht?

Die Morgenstunde lässt sich in Städten nicht mehr anhand des Vogelzwitscherns bemessen. Die Tiere singen zunehmend in der Nacht.

Philipp Crone

Vögel machen derzeit die Nacht zum Tag. Berliner Amseln zwitschern um ein Uhr früh, Münchner Rotkehlchen gar um drei. Im Frühjahr werden Europas Großstädte fast rund um die Uhr besungen. Beschränkten sich die Tiere noch bis vor einigen Jahren mit ihrem Gesang auf die abendliche und morgendliche Dämmerung, ist in den Metropolen die Vogelsprache nun fast ständig zu hören. Über die Ursachen sind sich Ornithologen allerdings noch nicht einig.

Licht und Lärm spielen die größte Rolle, sagt Jesto Partecke von der Vogelwarte Radolfzell, einer Abteilung des Max-Planck-Instituts für Ornithologie. Eigentlich nutzen Singvögel die Morgen- und Abenddämmerung, um sich mit Artgenossen auszutauschen. Im Frühjahr sind zuerst die lauthals balzenden Männchen an der Reihe, später dient der Gesang Paaren zur Revierverteidigung.

Die letzten Zugvögel treffen im Mai ein und singen nachts, wenn es ruhig ist und sie sich gegenseitig besser hören. Heinz Sedlmeier vom Landesbund für Vogelschutz in München vergleicht die Situation der Singvögel mit der des Menschen in einer lauten Kneipe. "Die verstehen sich gegenseitig einfach nicht." Die Frequenzen, auf denen sich die Tiere verständigen, sind schließlich auch im städtischen Verkehrslärm enthalten. Forscher der Universität Sheffield erkannten vor zwei Jahren, dass Rotkehlchen aus diesem Grund vermehrt in der Nacht singen. Sie beobachteten die Tiere zwei Monate lang an 67 Orten der Stadt. An den Plätzen, die tagsüber besonders laut waren, sangen die Vögel häufiger nachts als an tagsüber eher ruhigen Stellen.

Dass der Stadtlärm Singvögel dazu zwingt, auszuweichen, zeigt auch eine holländische Studie von der Universität Leiden. Ein Ornithologen-Team um Hans Slabbekoorn wertete die Gesangsfrequenzen von Stadt- und Land-Kohlmeisen rund um Leiden und zehn weitere europäische Städte aus. Sowohl der abendliche als auch der morgendliche Ruf der Tiere lag bei den Kohlmeisen in der Stadt um durchschnittlich 200Hertz höher als bei den Landvögeln. Sie überstimmen so die im Mittel tieferen Frequenzen des Stadtlärms.

Nachtigallen begegnen dem Lärm der Stadt, indem sie schlicht lauter singen. Um bis zu 14 Dezibel übertönt ein in Berlin heimisches Tier seine Artgenossen vom Land, hat Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen beobachtet. Dass sich etwa Amseln und Rotkehlchen in den Nachtstunden bemerkbar machen, hängt wohl zudem mit der nächtlichen Beleuchtung der Städte zusammen. "Schon eine geringe Lichtveränderung reicht aus, um das Verhalten von Vögeln zu verändern", sagt Partecke. Noch sei unklar, welchen Einfluss das städtische Kunstlicht habe. Der Ornithologe Hans-Heiner Bergmann verweist auf Beobachtungen von Rotkehlchen, die nachts verstärkt in der Nähe von Straßenlaternen singen. Sedlmeier glaubt hingegen, dass Lärm die Hauptursache für das Nachtsingen ist.

Partecke hat Vögel mit einem Sender ausgerüstet, der ihre Position und Bewegung aufzeichnet. Zudem sind die Tiere mit einem ein Gramm schweren "Licht-Logger" beladen. Dieser Sensor misst permanent das Lichtumfeld der Vögel. In einem zweiten Versuch will er den Gesang der Vögel dokumentieren. Erste Ergebnisse, die Hinweise auf Lärm oder Licht als Ursache für das ornithologische Nachtleben geben, erwartet Partecke im Juli.

© SZ vom 07.05.2009/beu
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