Jagd auf Zugvögel "Sie nehmen am Wochenende ihre Gewehre und schießen auf Vögel"

Waldrappen überfliegen die Toskana in Italien. Zugvögel können beim Flug in V-Formation Energie sparen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jährlich werden rund ums Mittelmeer etwa 25 Millionen Zugvögel illegal gefangen oder geschossen. Vogelschützer Andreas von Lindeiner über die Gründe und warum es so schwer ist, dagegen etwas zu unternehmen.

Interview von Thomas Hummel

Einer Studie der internationalen Vogelschutz-Organisation BirdLife international zufolge werden rund um das Mittelmehr jährlich etwa 25 Millionen Zugvögel illegal von Menschen geschossen oder gefangen. Vor allem Italien und Ägypten sind für die Tiere auf dem Weg ins Winterquartier oder im Frühling zurück in den Norden ein gefährliches Terrain, die Länder führen mit jeweils mehr als 5,5 Millionen Vögeln die Abschussliste an. Andreas von Lindeiner, Artenschutzreferent beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern, über Delikatessen, besonders gefährdete Arten und wieso in Nordafrika und im Nahen Osten der Kampf dagegen fast aussichtslos ist.

SZ: Herr von Lindeiner, wie groß ist der Eingriff in die Vogelbestände durch illegale Jagden am Mittelmeer?

Von Lindeiner: Es kommen ja allein in der EU mehr als 50 Millionen tote Vögel durch legale Jagden hinzu. Wobei dies manche Arten gar nicht betrifft, weil sie nachts fliegen oder in sehr großer Höhe. Dabei gehen die Vogelbestände insgesamt stark zurück. Vor allem durch eine Versiegelung der Flächen, einer Landwirtschaft, die den Tieren immer weniger Lebensraum und Futter lässt, oder das Insektensterben. Die große Jagd ist ein Zusatzproblem. Für einige Arten ist sie allerdings bedrohlich.

Interview am Morgen

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Welche sind von der Jagd besonders betroffen?

Aufgrund ihres Flugverhaltens sind das überwiegend Singvögel: Buchfink, Mönchsgrasmücke, Wachtel, Singdrossel, Kalanderlerche, Feldlerche. Sie fliegen eher tief, nutzen Bäume und Büsche zur Rast oder landen nach der Überquerung des Mittelmeers erschöpft gleich hinter dem Strand. In Ägypten zum Beispiel stehen genau dort die Netze und viele Vögel verfangen sich darin.

Andreas von Lindeiner

(Foto: privat)

Die Jäger müssen nur warten, bis die Vögel vom Himmel fallen?

Es gibt auch Möglichkeiten, Vögel anzulocken. Ich habe das rund um den Gardasee gesehen. Wenn man durch die Berge wandert, erkennt man schön angelegte Gärten mit gepflegten Obstbäumen oder Beerensträuchern als vermeintliches Futter für die Tiere. Angenehme Orte für eine Pause. Dazwischen stehen getarnte Schutzhütten mit Schießscharten. Von dort aus schießen die Leute auf die Vögel, auf Turteltauben zum Beispiel. Diese sind besorgniserregend zurückgegangen, teilweise bis zu 70 Prozent.

Vogeljagd ist auch in Zypern, Frankreich, Kroatien oder Griechenland verbreitet. Warum machen die Menschen das?

Das ist häufig eine Art Hobby und hat auch mit Traditionen zu tun. Das wird von einer Generation auf die nächste weitergegeben. Die Leute nehmen am Wochenende ihre Gewehre und schießen auf Vögel. Sie wissen auch, wo die Tiere fliegen und sich niederlassen zur Futteraufnahme. An solchen Schießplätzen liegen massenhaft Patronenhülsen herum.

Was machen die Jäger mit den Vögeln?

Sie essen sie.

Aber an einem Singvogel ist doch kaum etwas Essbares dran.

Deshalb braucht man mehrere Dutzend in einer Pfanne. Von einem Rotkehlchen oder einer Mönchsgrasmücke kann man wirklich nicht satt werden, die wiegen nur wenige Gramm. Eine Wachtel auf dem Teller ist vielleicht so groß wie eine halbe Faust. In Süd-West-Frankreich ist der Ortolan eine regionale - gleichwohl illegale - Spezialität. Er wird lebend gefangen, gemästet und als Feinschmecker-Mahl verspeist. Jetzt hat eine Studie festgestellt, dass dies starke Auswirkungen auf die Bestände in Deutschland hat. Der Ortolan ist eine Seltenheit geworden.

Berichte aus Ägypten hören sich so an, als handle es sich da eher um einen Beruf. Um einen Wirtschaftszweig.

In diesen Ländern auf jedem Fall. Wenn sich in den teilweise Hunderte Meter langen Netzen ein paar Hundert Vögel verfangen, dann reicht das vermutlich für den Lebensunterhalt einer ganzen Familie. Dort ist es auch schwierig, als Europäer hinzugehen und die Ware zu beschlagnahmen. Da fehlt das Verständnis, warum der Vogelfang ein Problem ist. Die Leute machen das dort teilweise aus purer Not. Auch Syrien oder Libyen sind schwer ansprechbar, weil die Behörden mit solchen Themen kaum bei der Bevölkerung durchdringen.

In der Europäischen Union gibt es die Vogelschutzrichtlinie, die den Abschuss regelt und im Zweifel verbietet. Warum ist das so schwer durchzusetzen?

Im Juni hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass der Vogelfang in Malta gegen EU-Recht verstößt. Das war ein großer Erfolg, denn die Richter stellten klar, dass die Gesetze für alle gelten. Oft werden die Dinge in EU-Mitgliedsstaaten einfach gemacht und gewartet, ob sich überhaupt jemand beschwert. Bis dann ein Urteil fällt, vergehen drei bis fünf Jahre. Vogelschützer versuchen zuerst, mit den lokalen Behörden zusammenzuarbeiten. Aber der Dorfpolizist ist vielleicht verwandt oder befreundet mit den Jägern und der Nachdruck bei der Strafverfolgung eher gering. Deshalb erwarten wir insbesondere von der Bundesregierung, dass sie sich für eine konsequente Umsetzung der Regeln einsetzt. Es ist ein Riesenproblem, wenn die Jäger nicht belangt werden. Dann sehen sie auch keine Veranlassung, damit aufzuhören.

Führt der Kampf gegen die illegale Jagd irgendwo zu Erfolgen?

In der Straße von Messina zwischen Kalabrien und Sizilien ist fast gar nichts mehr los. Da war die Öffentlichkeitsarbeit erfolgreich und die Wilderer wurden konsequent verfolgt. Früher haben sie die Vögel dort im Herbst quasi mit einer Schützenkette erwartet. Die Leute hatten Schießstände hinter niedrigen Steinmauern und schossen auch Greifvögel wie Fischadler und Wespenbussard. Die kann man nur ausstopfen und sich als Trophäe ins Wohnzimmer stellen. Diese Auswüchse gibt es in Süditalien nicht mehr, in anderen Regionen gehen sie weiter.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Hier beschränkt sich die illegale Jagd auf Fehlabschüsse. Zum Beispiel jagt jemand eine Stockente, schießt aber eine geschützte Schnatterente. Organisierte illegale Jagden gibt es bei uns kaum. Die Verfolgung der Vögel ist gesellschaftlich so geächtet, dass dies im Vergleich zu Südeuropa kaum ein Problem ist. Doch wir brauchen nicht mit dem Finger auf die anderen Länder zu zeigen. Unsere Pflicht ist es, eine Landwirtschaft zu betreiben, die den Tieren ein Überleben sichert. Jeder hat seinen Teil zum Vogelschutz beizutragen.