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Verhaltensforschung:Junge Raben sind schnell so klug wie Menschenaffen

Studie: Raben sind so schlau wie Menschenaffen

Raben zeigten bei Tests vergleichbare kognitive Leistungen wie Menschenaffen.

(Foto: Georgine Szipl/dpa)

Die Vögel entwickeln ihre kognitiven Fähigkeiten auch sehr schnell, weil sie früh im Überlebenskampf bestehen müssen.

Von Thomas Krumenacker

Dass Raben schlaue Vögel sind, ist gewiss keine neue Erkenntnis. Doch was manche dieser Tiere leisten können, versetzt selbst erfahrene Verhaltensforscher in Staunen. Zum Beispiel die Beobachtung, dass Rabenvögel Werkzeuge für den späteren Gebrauch verstecken oder dass sie aus ihrem eigenen Blickfeld ableiten können, was Artgenossen sehen - eine für das Anlegen eines geheimen Futterverstecks sehr wichtige kognitive Leistung.

Die Königsdisziplin unter den Intelligenztests, den Nachweis, Werkzeuge benutzen zu können, bestehen einige Angehörige der Raben-Familie mühelos und setzen dabei noch eins drauf: Sie wissen nicht nur, dass Stäbchen ihnen helfen können, an Futter heranzukommen, das in schmalen Ritzen für ihren recht klobigen Schnabel unerreichbar ist. Die auf Neukaledonien heimische Geradschnabelkrähe baute in einer Versuchsanordnung sogar aus mehreren Einzelteilen ein zusammenhängendes Werkzeug zusammen, mit dem es sich erfolgreich nach Futter stochern ließ. Das Verbinden mehrerer einzelner Komponenten zu einem neuen, funktionsfähigen Werkzeug galt bis zur Veröffentlichung dieser Studie vor zwei Jahren als exklusive Fähigkeit hochentwickelter Primaten und des Menschen. Selbst Kinder verfügen erst ab einem Alter von fünf Jahren über ähnliche Fähigkeiten.

Um herauszufinden, ob solche intellektuellen Höchstleistungen auf einzelne Aspekte begrenzt sind oder ob sich Raben in ihren kognitiven Fähigkeiten generell mit den nächsten Verwandten des Menschen wie Schimpansen und Orang-Utans messen lassen können, entwickelten Forscher um die Verhaltensbiologin Simone Pika jetzt eine Art Super-Intelligenztest für Kolkraben. "Bislang wurden immer nur einzelne Eigenschaften getestet", sagt Studienleiterin Pika. "Unsere Testbatterie ist sehr breit gefächert, um die unterschiedlichsten Aspekte der Fähigkeiten zu testen."

Die Gehirne der Vögel sind zwar klein - aber genauso komplex wie die von anderen Tieren

Dass die viel kleineren Vögel trotz ihres viel kleineren Gehirns von den physiologischen Voraussetzungen her ähnliche Leistungen vollbringen können wie große Säugetiere, halten Forscher für gesichert. In der Gehirnforschung werde schon länger nicht mehr die Größe als alleiniger Maßstab für die Leistungsfähigkeit genommen, sagt Pika. So wiesen viele Vogelarten im Pallium - einer auch für die kognitiven Leistungen zuständigen Hirnstruktur - eine höhere Neuronenzahl auf als viele Säugetiere. "Man nimmt an, dass Vögel trotz kleineren Gehirns mithalten können, weil die Komplexität ihrer Gehirne relativ vergleichbar ist."

Um die Ergebnisse aus der Primatenforschung mit denen der Raben-Tests vergleichbar zu machen, bauten die Forscherinnen und Forscher vom Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück eine Test-Anordnung rabengerecht um, die eigentlich entwickelt wurde, um die Fähigkeiten von Menschenaffen zu messen. "Ursprünglich wollte man damit herausfinden, wie die kognitive Entwicklung von Menschenaffen und Kindern zu vergleichen ist", sagt Pika.

"Mit vier Monaten muss ein Rabe fit sein, sonst überlebt er nicht"

Für das Experiment absolvierten acht von Menschen aufgezogene Kolkraben fast drei Dutzend verschiedene Einzelaufgaben. Darin wurde das Verständnis von Mengen, kausaler Zusammenhänge, aber auch die Fähigkeit zum sozialen Lernen, zur Kommunikation und zum Lesen der Absichten anderer Vögel untersucht. "Um zum Beispiel herauszufinden, ob Raben wissen, wo sich Futter befindet, haben wir Leckereien unter einem Becher versteckt und ihn zwischen anderen Bechern hin- und herbewegt wie bei einem Hütchenspiel", sagt Miriam Sima vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Starnberg. Ein Rabe wählt einen Becher aus, indem er mit seinem Schnabel dagegen pickt oder mit dem Schnabel auf ihn zeigt, ein Schimpanse würde dies dagegen mit seinen Fingern machen. Insgesamt durchlief jeder Vogel 33 unterschiedliche Aufgabenstellungen.

Die Ergebnisse verglichen die Wissenschaftler mit denen von 106 Schimpansen und 32 Orang-Utans in früheren Tests mit derselben - artspezifisch modifizierten - Versuchsanordnung. Das im Wissenschaftsjournal Scientific Reports veröffentlichte Resultat erstaunte selbst die mit den intellektuellen Fähigkeiten der Vögel vertrauten Forscher. "Die Raben zeigten bei den Tests eine vergleichbare kognitive Leistung wie die Menschenaffen", fasst Simone Pika zusammen. Mit einem wesentlichen Unterschied allerdings: Die Raben können das, was die Menschenaffen erst als ausgewachsene Tiere können, bereits im Alter von vier Monaten. Die kognitiven Fähigkeiten veränderten sich danach kaum noch, wie Experimente mit Raben im Alter von acht, zwölf und 16 Monaten zeigten.

Die frühe Ausbildung der höchsten kognitiven Reife dürfte mit den Lebensbedingungen der Raben zusammenhängen. Mit vier Monaten fangen die bis dahin noch von den Eltern versorgten Raben an, sich abzunabeln. Sie gliedern sich dann in größere Trupps mit anderen Jungraben ein, in denen sie manchmal über Jahre zusammenleben, bevor sie sich selbst verpaaren. Zu dieser Zeit kommt es auf Intelligenz und soziale Kompetenz an. "Mit vier Monaten muss ein Rabe fit sein, sonst überlebt er nicht", sagt Pika. Ein Menschenaffe sitze da noch auf dem Rücken seiner Mutter und lasse sich durch die Gegend tragen.

© SZ
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