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Zoologie:Die Sprache der Flügel

Gabeltyrannen

Mit einem ausgestopften Falken (vorne) provozierten die Wissenschaftler Gabeltyrannen (im Hintergrund), um ihren Flugfedern die typischen Töne zu entlocken.

(Foto: The Fields Museum)

Gabeltyrannen machen Musik, indem sie flattern und dabei Töne erzeugen. Die Analyse der Geräusche brachte Wissenschaftler nun auf die Spur, einen Verdacht zu bestätigen.

Von Julian Rodemann

Furchtlos, fast todesmutig attackiert der Gabeltyrann Eindringlinge, auch wenn es sich um Greifvögel handelt. Selbst vor Falken schrecken manche der etwa 40 Zentimeter großen männlichen Exemplare nicht zurück. Der südamerikanische Vogel gehört zu den Tyrannen, einer Familie der Sperlingsvögel, die ihrem Namen alle Ehre macht: Lauthals stürzen sich die Tiere auf fremde Vögel in ihrem Revier; besonders aggressiv gebärden sie sich in der Brutzeit im Frühling und Frühsommer und greifen auch Artgenossen an.

Doch Gabeltyrannen sind nicht nur waghalsige Kämpfer, sondern auch wahre Klangwunder, wie Wissenschaftler nun herausgefunden haben. Per Flügelschlag erzeugen männliche Gabeltyrannen Geräusche, um zu kommunizieren. Die relativ hohen Töne kommen dabei durch das Vibrieren der Federn zustande, wenn die Tiere besonders schnell fliegen - zum Beispiel während der kühnen Angriffe. Das berichten die Forscher in einer Studie, die am Dienstag im Fachblatt Integrative and Comparative Biology erschienen ist.

Die Gabeltyrannen sind dabei, sich in zwei Arten aufzuteilen

Ein Team aus Biologen um Valentina Gómez-Bahamón von der University of Illinois in Chicago und dem Fields Museum hat diese Art der Kommunikation erstmals dokumentiert - und dabei Hinweise entdeckt, die einen Verdacht der Forscher bestätigten: Die Gabeltyrannen sind dabei, sich in zwei Arten aufzuteilen.

Dass einige Vögel auch ihr Federkleid einsetzen, um Feinde akustisch zu warnen oder Angebetete musikalisch zu beeindrucken, wissen Biologen schon länger. Kolibris etwa lassen bei der Balz ihre Schwanzfedern sprechen, wie Biologen vor einigen Jahren im Fachjournal Science berichteten. Wie bei den Gabeltyrannen erzeugt die schnelle Vibration der Federn laute Geräusche. Weil Kolibris die Schwanzfedern dabei auffächern, dichteten findige Journalisten den Tieren prompt eine Harfe an, die potenzielle Liebespartner betört.

Auch Gabeltyrannen verfügen über Schwanzfedern, bis zu 30 Zentimeter lang, mit denen die Vögel ein bisschen wie Schwalben mit Vokuhila-Haarschnitt aussehen. Sie beeindrucken damit ebenfalls ihre Balzpartner - allerdings rein optisch. Geräusche erzeugen die Tiere nur mit ihren seitlichen Flügelfedern.

Dort entdeckten die Forscher um Valentina Gómez-Bahamón auch einen Unterschied zwischen den beiden bekannten Unterarten der Gabeltyrannen. Eine Subspezies lebt das ganze Jahr über im nördlichen Teil Südamerikas. Die andere verbringt dort nur den Winter und zieht im Sommer zum Brüten in den Süden. Die Tiere unterscheiden sich optisch nur durch ein kleines Detail: Die wandernde Unterart verfügt über dünnere Federspitzen - was dazu führt, dass ihre Federn einen höheren Ton von sich geben.

Gabeltyrann

Gabeltyrannen beeindrucken Liebespartner mit ihren langen gabelförmigen Federschwänzen.

(Foto: The Fields Museum)

Die Folge ist eine Sprachbarriere: Da die Vögel ihren Flügelschlag nutzen, um miteinander zu kommunizieren, können die unterschiedliche Tonhöhen die Paarung zwischen den Wanderern und den Sesshaften erschweren. Das wird vermutlich dazu beitragen, dass sich die beiden Gruppen zu völlig getrennten, eigenständigen Arten entwickeln, die sich nicht mehr miteinander kreuzen können. Die Forscher ahnten aufgrund von DNA-Analysen bereits, dass sich die zwei Populationen der Gabeltyrannen auseinanderentwickeln. Diesen Prozess der Artbildung, auch Speziation genannt, zu beobachten, sei "wirklich sehr cool", sagt Gómez-Bahamón.

Die Wissenschaftlerin vermutet, dass die veränderte Federform der Zugvögel es ihnen erleichtert, weite Strecken zu fliegen. Dass die Federn so ein anderes Geräusch als bei ihren Vettern erzeugen, sei folglich nur ein Nebeneffekt - aber einer mit Tragweite. "Kommunikation ist sehr wichtig für die Speziation. Es gefällt mir zu sehen, wie verschiedene ökologische Strategien wie die Migration die Kommunikation indirekt beeinflussen", sagt Gómez-Bahamón.

© SZ

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