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Vögel als Schädlinge:Bekämpft mit Gift, Sprengstoff und Laserstrahlen

Ein Jahrzehnt nach Schieffelins Aktion, im Jahre 1900, wurde der sogenannte Lacey Act erlassen, der verbot, nicht einheimische Tierarten einzubürgern. Ab diesem Zeitpunkt hätte sich Schieffelin also mit seiner Aktion strafbar gemacht. Er hatte noch mal Glück gehabt.

Warum sich der Europäische Star auf dem nordamerikanischen Kontinent so rasant ausbreiten konnte, wissen Ornithologen nicht genau. Sie vermuten, dass die Allesfresser hier einen reich gedeckten Tisch fanden und ihnen das gemäßigte Klima entgegen kam. Die Verbreitung von Sturnus vulgaris erfolgte nicht nach einem regelmäßig fortschreitenden Muster.

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  • natur 12/2013

    Der Text stammt aus der Dezember-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen aus dem Heft 12/2013 auf natur.de...

Doch anhand zahlreicher Einzelbeobachtungen kann man recht präzise nachvollziehen, wie die Invasion der Stare abgelaufen sein muss. Sechs Jahre nach Schieffelins Freisetzung waren die Tiere noch nicht außerhalb Manhattans anzutreffen. Ungefähr ein Jahrzehnt verging, bis sie sich im Großraum New York verbreitet hatten. Der für Sturnus vulgaris typische Vogelzug in wärmere Gefilde trug sicherlich zu seiner Ausbreitung gen Süden bei.

Doch auch in westlicher und nördlicher Richtung setzte sich die Invasion rasant fort: 1921 erreichten die Stare Ohio, 1928 hatten sie den Mississippi überquert, 1942 waren sie schließlich an der Pazifikküste angekommen. Schon in den 1950er Jahren soll die Zahl der Stare in der "Neuen Welt" auf 50 Millionen angewachsen sein.

Zugvögel, ein Schwarm von Staren sucht einen Rastplatz bei Algier, 2006

Ein Schwarm wie ein Wirbelsturm

(Foto: AFP)

Es war eine Entwicklung, die niemand geplant hatte, geschweige denn ernsthaft gewollt haben konnte. Die Stare plünderten Maisfelder, Obstplantagen und Weinstöcke oder machten sich über das Tierfutter in Scheunen und Viehtrögen her. Bald wurde klar, dass es unmöglich war, der kleinen Vögel Herr zu werden. Bereits im Jahre 1914 begannen Farmer und Stadtplaner, gegen die Starenplage anzukämpfen, nachdem Millionen von ihnen in Connecticut eingefallen waren.

Auf dem Gelände des Weißen Hauses schallten Eulenrufe aus Lautsprechern, um sie zu vertreiben. Im Jahr 1948 ließ der für Washington D.C. zuständige Beamte Juckpulver einsetzen, nachdem Luftballons und Eulenattrappen nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hatten. Das wohl drakonischste Mittel, das bis heute gegen Stare zum Einsatz kommt, dürfte DRC-1339 sein, ein Vogelgift, an dem die Tiere nach ein oder zwei Tagen wegen Organversagens zugrunde gehen.

Damit besprühte man Pommes Frites - ein bei Staren beliebter Snack. Andere versuchten es mit Propangas-Explosionen oder Chemikalien, die am Federkleid der Tiere haften blieben, so dass die Vögel erfroren. Weniger aggressive Methoden sind Laserstrahlen und Knallkörper, um sie aus den Städten zu vertreiben.

Stare schwärmen zu Hunderttausenden

Ein Vogelschwarm wie eine Gewitterwolke

(Foto: dpa)

Tatsächlich nutzte das bislang alles nichts. Eine 2009 von der Cornell University veröffentlichte Studie ergab, dass Stare in der US-amerikanischen Landwirtschaft Jahr für Jahr einen Schaden von rund 800 Millionen Dollar verursachen.

So eilt dem Star kein guter Ruf voraus. Viele Nordamerikaner hassen ihn, er gilt als "schmutziger" Vogel. Dabei ist das Tier an sich - wenn man es denn Mal alleine zu Gesicht bekommt - ausgesprochen hübsch. Mit seinem metallisch grün oder purpurfarben glänzenden Gefieder ist der Star ein durchaus einnehmender Vogel.

Charakteristisch ist auch sein Gesang, ein eindringlicher Ruf. Er ist bekannt dafür, dass er sogar andere Vögel und Tiere nachahmen kann. Diese Fähigkeit bewunderte bereits Wolfgang Amadeus Mozart. "Stahrl", wie er seinen Stubenvogel recht naheliegend nannte, war offenbar sehr gelehrig und konnte einige Kompositionen des Musikers nachzwitschern.

Und noch eine Tatsache ist bemerkenswert: Die Tiere verdrängten auf ihrem Vormarsch keine einheimischen Vögel. Eine Studie des Cornell Laboratory of Ornithology in Ithaca (New York) an 27 Vogelarten der USA ergab 2003, dass sie weitgehend unbeeinflusst blieben. Die Stare haben offenbar eine eigene ökolgische Nische gefunden.

Amerikanische Farmer kann das nicht beschwichtigen. Sie führen einen schier aussichtlosen Kampf gegen die gefräßigen Vögel. Wenn sich wieder einmal der Himmel über ihnen verdunkelt, bleibt ihnen nur eins: den großen Dichterfürst William Shakespeare für einen Moment zu verfluchen.

Der Text stammt aus der November-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation - mehr aktuelle Themen aus dem Heft 11/2013 auf natur.de...

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