Verschwörungstheorien Sachlich gegen Unsinn

Die Popularität der Homöopathie ist ungebrochen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Auf einer Tagung in Berlin beraten Wissenschaftler darüber, ob und wie sich Anhänger kruder Theorien vom belegten Gegenteil überzeugen lassen.

Von Kathrin Zinkant

Kondensstreifen von Flugzeugen sind ein gutes Beispiel für die Widersprüchlichkeit des menschlichen Verstandes: Einerseits veranschaulichen sie das physikalische Phänomen der Kondensation: Wasser schlägt sich am Ruß aus den Flugzeugdüsen nieder, Wolken entstehen. Andererseits glauben manche Menschen, diese Erklärung sei vorgeschoben. Sie halten die Streifen für "Chemtrails", für Spuren einer Weltverschwörung, mit dem Ziel, die Menschheit zu vergiften.

Und weil nicht nur ein paar Verrückte an Chemtrails glauben, sondern ziemlich viele Menschen an einen ganzen Strauß solch abwegiger Theorien, haben sich vergangenes Wochenende die Mitglieder der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in der Berliner Urania getroffen. Kurz nennt sich der gemeinnützige Verein "Die Skeptiker" und kämpft bereits seit drei Jahrzehnten gegen das, was man heute Fake News oder alternative Fakten nennt, und versucht, Anhänger kruder Theorien vom wissenschaftlich belegbaren Gegenteil zu überzeugen.

Eine Dokumentation über Impfschäden basiert auf einer frei erfundenen Studie

Aber geht das überhaupt? GWUP-Mitglied Bernd Harder weiß aus Erfahrung, wie schwierig es ist, zum Beispiel Anhänger der Homöopathie davon zu überzeugen, dass es für die Wirkung der extrem hoch verdünnten Arzneien keine wissenschaftlich fundierten Belege gibt. Irgendwann droht die Frustration größer zu werden als die Motivation, noch mehr Argumente entgegenzusetzen. Er hat sich je nach Tagesform Musik bereitgelegt, die ihm in solchen Lagen hilft. An weniger schlimmen Tagen hört er zum Beispiel Taylor Swifts "Shake it off".

Harder diskutiert über das Internet mit Impfgegnern und anderen Menschen, die fest vom Gegenteil der Wahrheit überzeugt sind. So ist auch in deutschen Kinos derzeit eine vermeintliche Dokumentation über Impfschäden zu sehen, die eine längst als frei erfunden entlarvte Studie des Briten Andrew Wakefield zum Verschwörungsszenario breitwalzt. Wenn Harder dann Lobeshymnen auf diesen Film zugeschickt bekommt, hilft ihm nur noch "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss. Harder ruft dennoch dazu auf, sich niemals vom Dialog mit den "Glaubenskriegern" abzuwenden.

Der Politikwissenschaftler hat immer wieder erlebt, dass manchmal selbst überzeugte Anhänger von Verschwörungstheorien ihre Ansichten hinterfragen, sobald sie einen Widerspruch erkennen. Ähnlich erging es Natalie Grams: Die Ärztin hat noch vor wenigen Jahren als Homöopathin in Heidelberg praktiziert und war zum Feldzug gegen ein Homöopathie-kritisches Buch angetreten, als ihre Recherchen erste Zweifel säten. Sie hatte die Lehren Samuel Hahnemanns nie hinterfragt, aber als sie es schließlich tat, wurde sie zu einer Skeptikerin. Heute engagiert sie sich in der GWUP und setzt sich wie Harder dafür ein, mit Anhängern von Homöopathie und vergleichbaren Theorien im Gespräch zu bleiben. Auch wenn sie dabei beschimpft und sogar bedroht wird.

Es gibt noch andere Fronten als das Internet, an denen gegen Parawissenschaften zu kämpfen wäre. Manche Bücher zum Beispiel, die in Schulen gelesen werden. Elvira Schmidt forscht in Gießen über die Wahrnehmung von Alternativmedizin in der Öffentlichkeit. 41 Prozent der Menschen, so hat sie in einer Untersuchung herausgefunden, halten alternative Heilmethoden für "sanfter" im Vergleich zur Medizin. Diese Haltung spiegelt sich auch in manchen Schulbüchern wider, die sich mit der Gesundheitsversorgung befassen. Dort findet man etwa unter "medizinische Heilmethoden" in einer Übersicht als ersten Punkt die "synthetische Medizin", gleichberechtigt daneben dann jeweils Naturheilkunde, Homöopathie und Akupunktur, drei Felder der alternativen Medizin, die weder die gleiche Bedeutung haben, noch wissenschaftlich so fundiert sind wie die sogenannte Schulmedizin.

Aber mit Dogmatismus kann man der Negierung von gesicherter Erkenntnis nicht begegnen. Das sieht auch Anousch Mueller so. Die Romanautorin hat in der Süddeutschen Zeitung vor zwei Jahren einen Bericht über ihre Heilpraktikerausbildung veröffentlicht, ein beklemmendes Zeugnis der medizinischen Anmaßung und Verantwortungslosigkeit an einer Berliner Heilpraktikerschule - und eine grundsätzliche Kritik an dem, was viele Heilpraktiker lernen, bevor sie auf kranke Menschen losgelassen werden.

Dem Artikel in der SZ folgte im vergangenen Jahr ihr Buch "Unheilpraktiker". Bis heute kämpft die Berlinerin dafür, dass die gesetzlichen Vorgaben für die Heilpraktikerausbildung verschärft werden. "Das Übersinnliche ist den Menschen nicht auszutreiben, insbesondere nicht in medizinischen Belangen", sagt Mueller. Obwohl sie nicht glaubt, dass es eine wissenschaftlich zeitgemäße Version des Heilpraktikerberufs geben kann, erkennt sie doch, dass Patienten beim Heilpraktiker etwas bekommen, was ihnen anderswo fehlt. Aufmerksamkeit, zum Beispiel, oder einfach Zeit zum Reden.

Sachlich bleiben ist manchmal schwierig. Aber wer andere wie Idioten abfertigt, gewinnt nichts

Das ist wohl auch etwas, das man für die Auseinandersetzung mit Impfgegnern oder anderen Anhängern von Pseudowissenschaft beachten sollte, finden vor allem die jüngeren Skeptiker. Wer andere wie Idioten abfertigt, gewinnt nichts. Sachlich bleiben, die Argumentationsweisen des Gegenübers erkennen, das ist gerade auch in ideologisch geprägten politischen Debatten wichtig. Zum Beispiel über die Atomkraft. Für Florian Aigner, Physiker und Wissenschaftserklärer aus Wien, ist das Thema noch lange nicht abgehakt, der Klimawandel werde es wieder auf die Tagesordnung setzen. Aigner ist kein Befürworter der Atomkraft, er sieht die Risiken und Alternativen, aber eben auch die Möglichkeit, Versorgungslücken mit etwas anderem zu füllen als Kohlekraft. Aus "skeptischer Sicht", sagt er, sei das Ausmaß der Angst in der Bevölkerung vor der Atomkraft völlig übertrieben.

Aber Angst, das ist eben auch eine Erkenntnis der Skeptiker, lässt sich - wenn überhaupt - nur bekämpfen, indem man kämpft. Harder ermutigt deshalb jeden dazu, für die Vernunft aktiv zu werden. "Nicht schweigen!", sagt er. "Wir müssen Zweifel säen."