Vernunft und Risikobereitschaft:Mehr Unfälle mit ABS

Zum Beispiel, indem er schneller und enger um Kurven fährt, schärfer bremst und stärker beschleunigt. So verhielten sich in einer berühmt gewordenen Studie Münchner Taxifahrer, nachdem ihre Autos Ende der 1980er Jahre mit ABS ausgestattet worden waren.

Vermeintliche Fahrgäste, die in Wirklichkeit Forscher waren, ließen sich vor und nach der Aufrüstung eines Teils der Taxiflotte durch die Stadt kutschieren. Dabei wussten die Forscher nicht, ob sie in einem Auto mit oder ohne ABS saßen. Dies wurde ihnen jedoch schnell anhand der aggressiveren Fahrweise jener Personen klar, die ein Taxi mit ABS steuerten. In der Gewissheit, dass sie durch die neue Technik besser geschützt waren, verhielten sich diese Fahrer deutlich riskanter.

Zahlreiche weitere Beispiele aus dem Straßenverkehr stützen die Theorie von der menschlichen Lust am Risiko. So sollten Probanden eine gut 100 Kilometer lange Strecke sowohl mit als auch ohne angelegten Sicherheitsgurt fahren. Waren sie angeschnallt, schienen sich die Fahrer fast unverwundbar zu fühlen, wie die Forscher schreiben. Mit angelegtem Gurt überholten die Testpersonen rasanter, führen insgesamt schneller und dichter auf andere Autos auf.

Weitere Untersuchungen zeigten, dass auch breite Straßen und eine helle nächtliche Beleuchtung zu einem riskanten Fahrstil verleiten, während die Menschen umgekehrt in Tunneln und an unübersichtlichen Kreuzungen besser aufpassen. Dem Verkehrspsychologen Bernhard Schlag von der Technischen Universität Dresden zufolge setzen viele Menschen Sicherheit gleich mit dem Gedanken, sich mehr erlauben zu können.

Manchmal allerdings auch zu viel, wie das Beispiel der Münchner Taxifahrer zeigte. Sie trauten dem Antiblockiersystem offenbar mehr Schutzwirkung zu, als gerechtfertigt gewesen wäre. Obwohl zunächst nur ein Viertel aller Taxis die technische Aufrüstung erhalten hatte, waren die ABS-Autos nach drei Jahren in knapp die Hälfte aller Taxi-Unfälle verwickelt. Auch Fahrradfahrer, die mit Helm unterwegs sind, fahren einer weiteren Studie zufolge dichter an Autos vorbei und benehmen sich im Straßenverkehr insgesamt risikofreudiger als zu Zeiten, in denen sie noch keinen Kopfschutz trugen.

Fatal ist nur, dass es Menschen extrem schwerfällt, Gefahren richtig einzuschätzen. Deshalb können auch noch so ausgefeilte technische Hilfsmittel und Sicherheitsvorkehrungen Unfälle nicht vermeiden. Dennoch verteidigen Psychologen den Drang zum Risiko und sehen ihn als wichtigen Antrieb. "Risiken sind die Würze des Lebens", sagt Trimpop. "Erst das Wechselspiel zwischen einer riskanten Situation und der Kontrolle darüber ermöglicht einer Gesellschaft den Fortschritt."

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