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Vermenschlichte Haustiere:Warum nähern sich Tier- und Menschennamen an?

Welche außergewöhnliche Bedeutung Hunde erlangt haben, zeigt sich bei Namen wie Calvados, Rolex und Jim Beam. Am Hund markiert der Mensch seinen sozialen Status, sagt Damaris Nübling - nicht nur bei Rassehunden. Und weil Menschen in Deutschland nicht nach Konsumgütern, Diktatoren und Fußballvereinen benannt werden dürfen, muss eben der Hund herhalten. Deshalb fanden die Namensforscher in ihren Befragungen allerhand ironische, exklusive und fantasievolle Bezeichnungen, die es früher nicht gab.

Warum sich Tier- und Menschennamen annähern, erklären sich Soziologen mit der emotionalen Nähe vieler Menschen zum Tier. Ihr Grad an Individualität steigt, je häufiger sie mit uns wohnen und je ähnlicher sie uns sind. Sie sind Lebensbegleiter, Partner, Kind, Freund. Der Affe ist uns genetisch zwar ähnlicher, aber der Hund ist uns näher. Er horcht, er lässt sich streicheln, er geht auf uns ein, er besitzt eine ausgeprägte Körpersprache. Möglicherweise erkennen wir uns sogar selbst im Tier.

Nach dem Hund kommt gleich die Katze. Dann das Kaninchen, das sich ebenso vom Nutztier zum Haustier entwickelt hat, da sich deren Besitzer ebenso immer häufiger bei den gegenwärtig beliebtesten Jungen- und Mädchennamen bedienen. Fische und Frösche erhalten hingegen sehr selten Namen. Namensfördernd sind ein ausgeprägtes Kindchenschema (Eisbär Knut), die Exotik eines Tieres (Krake Paul) und Einzelhaltung.

Die Namensgebung bei Nutztieren folgt einer pragmatischen Logik: Kühe, Rinder und Schafe sollen identifizierbar sein. Deswegen orientieren sich etwa Kuhbauern an einem festgelegten Namenkatalog - vorausgesetzt, es stehen nicht mehr als 50 Tiere im Stall. Bei Zuchttieren hingegen ist die Namensvielfalt deutlich größer und ausgefallener, ein guter Name erhöht den Preis. Am einfallreichsten werden Freizeit- und Turnierpferde benannt. Auch hier überwiegen wiederum Menschennamen wie Amadeus und Angela, mitunter auch Adelsnamen. Fast jedes fünfte Pferd erhält einen abstrakten Namen. Beliebt sind Respekt, Eskapade und Melodie.

Aus typischen Tiernamen werden Namen für Menschen

Ein Beleg für die schwindende Distanz zwischen Mensch und Tier sind auch die Spitznamen, mit denen der fluffige Liebling immer häufiger gerufen wird. Die Linguisten Christine Ganslmayer und Sebastian Kürschner von der Universität Erlangen-Nürnberg wiesen dieses Phänomen bei Katzen nach. Auf der Basis von 3000 Namen entdeckten sie typische Merkmale wie auf "i" endende Spitznamen und zweisilbige Begriffe.

Wie nah uns Hund, Katze und Kaninchen mittlerweile sind, wird auch beim Tierarzt deutlich. In der Patientenkartei führen die Ärzte den kleinen Liebling nicht selten mit Vor- und Familiennamen. Und mancher Besitzer vergibt den Vornamen eines verstorbenen Familienmitglieds.

Wohin das führt? In Schweden taucht das Haustier mittlerweile sogar in Lebensläufen auf. In Finnland existieren Namenstagskalender für Haustiere. Humane Riten werden auf Tiere übertragen. Und in beiden Ländern gibt es die Tendenz, dass sich die Namensgebung umkehrt: Aus typischen Tiernamen werden Namen für Menschen. Tindra beispielsweise nannte man früher nur Kühe.