Verhaltensforschung Meisen lernen voneinander, wie sie den Verschluss von Milchflaschen aufpicken

Abgesehen von den Primaten erreichen auch Wale einigen kulturellen Reichtum. Buckelwale von der Westküste Australiens etwa singen anders als ihre Artgenossen von der Ostküste. Doch auch im Tierreich bedeutet Kultur nicht einen starren, unveränderlichen Kanon. Im Gegenteil: Als einige Männchen von West nach Ost gewandert waren, glichen sich die Gesänge beider Populationen einander an. Auch verschiedene Jagdtechniken für die jeweils gleiche Beute haben sich in den einzelnen Buckelwal-Gruppen etabliert. In manchen Populationen "fangen" die Tiere zum Beispiel ihre Beute in einer Art Netz aus vielen kleinen Luftblasen.

Jenseits der "üblichen Verdächtigen", wie van Schaik sie nennt - Primaten, Wale, Rabenvögel - tun sich manche Wissenschaftler schwerer damit, auch bei anderen Tieren von Kultur zu sprechen. Unumstritten ist jedoch, dass zum Beispiel Meisen ein großes Talent zum sozialen Lernen haben und bereitwillig neue Gewohnheiten übernehmen. Das zeigte sich schon in den 1920er-Jahren in England, als immer mehr der Vögel begannen, die Foliendeckel von Milchflaschen aufzupicken, um an den Rahm zu kommen. Im vergangenen Jahr belegte Lucy Aplin von der University of Oxford in einer Nature-Studie, wie schnell sich Neues unter den Singvögeln ausbreiten kann. Aplin brachte Kohlmeisen bei, eine Futterbox auf eine bestimmte Art zu öffnen. Innerhalb von nur drei Wochen hatten drei von vier Gruppenmitgliedern die Technik von den zuvor eigens angelernten "Demonstratoren" übernommen. Auch ein Jahr später, als die Gruppe nur noch zu einer Minderheit aus den ursprünglichen Mitgliedern bestand, hatte sich die neue Methode gehalten.

Mit derartigen Übertragungsexperimenten lässt sich in Echtzeit die Entstehung kulturellen Verhaltens nachvollziehen. Komplizierter wird es bei wild lebenden Tieren, die man nicht so einfach in Versuchen testen kann. Auch halten manche Wissenschaftler die strikte Einteilung in genetisch, ökologisch oder kulturell bedingtes Verhalten für unsinnig. Schließlich spielen oft alle drei Faktoren eine Rolle, nur eben in unterschiedlicher Gewichtung. "Forscher wären oft besser beraten, wenn sie Verhaltensvarianten verschiedenen Quellen zuordnen würden", schreiben Kevin Laland und Vincent Janik von der University of St Andrews in den Trends im Fachjournal Ecology and Evolution.

Wie aber entwickeln sich Traditionen und Kultur, wenn genetische und Umwelteinflüsse als treibende Kraft weitgehend entfallen? "Interessant wird es erst, wenn Innovationen beteiligt sind", sagt Carel van Schaik. Ein Gruppenmitglied muss den Mut haben und die Notwendigkeit spüren, vom gewohnten Trott abzuweichen. Selbstverständlich ist beides nicht - warum etwas ändern, wenn doch alles gut läuft? Die, die sich dennoch an Neues heranwagen, sind meist jung und rangniedrig. Sie haben wenig zu verlieren, dafür lockt die Aussicht auf mehr Futter oder bessere Schlafplätze. Wer hoch oben in der Hierarchie steht, bekommt ohnehin von allem genug.

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Plötzlich fingen die Makaken an, die Süßkartoffeln vor dem Verzehr im Fluss zu waschen

Damit eine Innovation ihren Weg von unten durch die Gruppe macht, müssen die Tiere zu sozialem Lernen fähig sein. Eine einfache und weit verbreitete Form davon erklärt die Verhaltensforscherin Juliane Bräuer in ihrem Buch "Klüger als wir denken: Wozu Tiere fähig sind" (Spektrum) mit einem Marktbesucher. Der kommt an einer Menschenschlange vor einem Stand mit Erdbeeren vorbei. Prompt fällt ihm ein, dass er auch Erdbeeren kaufen wollte. Auf die Idee ist er unabhängig von den anderen gekommen, die Menschenmenge hat nur seine Aufmerksamkeit auf den Obststand gelenkt und die Idee wieder an die Oberfläche geholt.

Dieses Prinzip dürfte auch hinter der Kultur des Kartoffelwaschens japanischer Makaken stecken. In den 1950er-Jahren kam ein Weibchen auf die Idee, die von Forschern ausgelegten Süßkartoffeln im Fluss zu reinigen. Zunächst folgte seine Mutter dem Beispiel, und drei Jahre später wuschen 40 Prozent der Gruppe die Kartoffeln. Vermutlich hatte der Anblick von Artgenosse, Kartoffel, Wasser und Sand mehrere Makaken unabhängig voneinander auf die gleiche Idee gebracht.

Ein anderer Weg des sozialen Lernens besteht darin, die Handlungen des Artgenossen exakt zu kopieren. Schimpansen nehmen es dabei nicht sehr genau, Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Beobachten sie einen Artgenossen beim Hantieren an einem Futterbehälter, der sich auf verschiedene Weisen öffnen lässt, übernehmen sie nicht unbedingt dessen Methode. Warum auch, wenn sich die Belohnung anders ebenfalls hervorholen lässt?

Tiere müssen Problemlösungen immer wieder neu finden - der Mensch entwickelt sich weiter

Nicht nur dieses Beispiel lehrt: Affen äffen nicht alles nach. Die eifrigsten Nachmacher sind Menschen, vor allem Kinder. Sie kopieren jeden Handgriff, wie vor allem Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie gezeigt hat. Kinder imitieren sogar Handlungen, deren offensichtliche Unsinnigkeit sie durchaus begriffen haben. Etwa wenn jemand in die Hände klatscht, ehe er einen Lichtschalter drückt.

Was zunächst streberhaft wirken mag, zahlt sich aus, wenn die Probleme und ihre Lösungen komplexer werden. Zusammen mit der rein menschlichen Eigenschaft, viel Zeit und Mühe ins gezielte Unterrichten zu stecken, sehen viele Forscher hier die Basis für die Einzigartigkeit der Kultur von Homo sapiens. Unter allen anderen Arten sticht er damit hervor, wie er mit seiner Kultur umgeht. "Sowohl Tiere als auch Menschen haben Kultur", resümiert der Anthropologe van Schaik.

"Aber nur beim Menschen ist sie für sich allein zu einer evolutionären Kraft geworden." Sein Kollege Kevin Laland ergänzt: "Menschliche Innovationen gründen auf früheren Ideen. Sie kumulieren und gehen über das hinaus, was ein Individuum jemals allein erreichen könnte." Im Tierreich hingegen wird das Rad immer wieder neu erfunden. Eine schöne Vorstellung, und auch noch wissenschaftlich untermauert: Menschen entwickeln sich weiter, immer weiter.

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