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Verhaltensforschung:Kultur der Kapuzineraffen

White-Faced Capuchin Monkey

Alles nachäffen? Von wegen. Populationen von Kapuzineraffen entwickeln ihr eigenes kulturelles Profil bei der Partner- und Futtersuche.

(Foto: AP)

Die Tiere führen die Pfoten ihrer Freunde an ihr Gesicht, Buckelwale singen in Dialekten: Auch Tiere entwickeln kulturelle Gepflogenheiten von erstaunlicher Vielfalt.

Sicherlich ist das Ritual nicht jedermanns Sache: Die Hand eines Freundes nehmen (notfalls auch den Fuß) und sie aufs eigene Gesicht legen. Die Augen schließen. Mehrmals tief einatmen, mehr als eine Minute lang.

Für die Kapuzineraffen der sogenannten Abby-Gruppe gehört dieses Verhalten zum Alltag. Ihre Artgenossen aus der benachbarten Bette-Gruppe wurden dagegen nie beim Handschnüffeln beobachtet. Solche Variationen in den Gepflogenheiten verschiedener Populationen einer Art sind mehr als nur eine bemerkenswerte Anekdote. Anthropologen und Biologen werten derartige Beobachtungen als Belege dafür, dass auch Tiere Kultur besitzen. So zahlreich sind die Hinweise darauf in den vergangenen Jahren geworden, dass Carel van Schaik, Direktor des Instituts und Museums für Anthropologie der Uni Zürich, sagt: "Ich glaube, dass bei den üblichen Verdächtigen wie Primaten, Walen und Krähen viel mehr Verhalten kulturell bedingt ist, als wir derzeit wissen." Auch bei anderen Arten wie Meisen, Fischen und sogar Insekten scheuen sich Forscher immer weniger, von Kultur zu sprechen.

Es ist ein großer Begriff. Einer, bei dem die meisten Menschen an Vernissagen, Theaterpremieren, Symphoniekonzerte und vielleicht noch an verstiegene Diskussionen unter Intellektuellen denken dürften. Dabei ist das nur eine Facette von Kultur. Eine andere ist auch im Alltag jenseits der Feuilletons allgegenwärtig, etwa in den Ess- und Feierritualen, der Musik und den Erzählungen eines Landes. Kultur, das meint vor allem die spezifischen Gewohnheiten einer Gruppe, auch zum Beispiel einer Familie. Wenn sich Vater, Mutter und deren Kinder in Diskussionen grundsätzlich ins Wort fallen, dann gehört das zur Familienkultur.

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Allgemein bedeutet Kultur eine Fertigkeit, Gewohnheit oder Informationen, welche die Mitglieder einer Gruppe dauerhaft untereinander weitergeben. Das kann nützliche Dinge betreffen wie eine besonders effiziente Jagdtechnik, bizarre Gepflogenheiten oder auch nachteilige Traditionen, etwa wenn sich Guppys eine längere statt der kürzeren Route zum Futterplatz angewöhnt haben. Kultur kann, muss aber nicht nützlich sein. Bei all dem ist keine Vererbung im Spiel, sondern das sogenannte soziale Lernen - anders ausgedrückt: "nachäffen".

Der größte kulturelle Reichtum im Tierreich ist von Schimpansen bekannt. Das liegt auch daran, dass keine andere Spezies seit Jahrzehnten so akribisch beobachtet wird wie diese Primaten. Ein Team um Andrew Whiten von der schottischen University of St Andrews wertete Langzeitbeobachtungen in sieben Schimpansengruppen aus. Die Forscher kamen auf 39 Verhaltensweisen, die sich kaum durch genetische Einflüsse oder Umweltbedingungen erklären ließen. Darunter fiel zum Beispiel das Nussknacken mithilfe von Hammer und Amboss der Schimpansen im Tai-Nationalpark in der Elfenbeinküste. Im Gombe-Nationalpark in Tansania dagegen gibt es zwar ebenfalls Nüsse - dort lassen die Affen sie aber links liegen, wenn sie zum Öffnen Werkzeuge benötigen würden.

Nur wenig kürzer als bei den Schimpansen fällt die Liste der kulturellen Verhaltensweisen in Orang-Utan-Gruppen aus. Nur in einigen der sechs untersuchten Populationen bauten sich die Orang-Utans Sonnendächer - obwohl es überall ähnlich heiß war. Und nur in einigen der Gruppen hatte sich die Angewohnheit verbreitet, mit Blättern Wasser aus tiefen Baumlöchern zu saugen oder mit Zweigen nach Insekten zu angeln.

Weißschulter-Kapuzineraffen in Costa Rica sind die dritte Primatenart, deren Kultur Forscher bisher ausgiebig untersucht haben. Neben dem Handschnüffeln lassen sich die einzelnen Gruppen auch danach unterscheiden, ob sie regelmäßig an Fingern, Ohren oder am Schwanz eines Kumpanen saugen. Jede Population hat ihr eigenes kulturelles Profil entwickelt, das so verschiedene Lebensbereiche umfasst wie die Futter- und Partnersuche und den Umgang mit Artgenossen.