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Verhaltensbiologie:Ansteckendes Gähnen

Frühjahrsmüdigkeit bei Erdmännchen

Nicht nur bei Menschen beobachten Forscher eine soziale Ansteckung.

(Foto: dpa/dpaweb)

Auch Tiere lassen sich vom Verhalten der Artgenossen mitreißen - und verraten damit einiges über die Wurzeln der Empathie.

Sie balgen miteinander, vollführen aus Spaß kunstvolle Flugmanöver und schubsen Zweige über den Boden wie Kinder ihre Bauklötze. Keas spielen gerne und auf viele verschiedene Arten. In Neuseeland kann das lästig sein, weil die dort heimischen, olivgrünen Papageien auch Scheibenwischerblätter als Spielzeug ansehen und die Gummidichtungen mit großer Hingabe zerrupfen. Und wenn erst ein Kea seiner Spiellust nachgeht, machen es ihm die anderen schnell nach: Die Papageien lassen sich von der Spiellaune eines Artgenossen anstecken. Das haben Raoul Schwing vom Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Uni Wien und seine Kollegen gezeigt, indem sie wild lebenden Keas verschiedene Laute vorspielten.

Darunter befand sich auch der sogenannte Spielruf, den die Vögel beim Herumalbern hören lassen. Einige der Keas, die diesen Ruf vernahmen, fingen daraufhin selbst an zu spielen, berichten die Forscher im Fachmagazin Current Biology (online). Doch stießen die Vögel nicht unbedingt zu dem bereits spielenden Artgenossen dazu, sondern begannen oft ein neues Spiel, allein oder mit anderen zusammen. Die Kontrolllaute zeigten diese Wirkung nicht. Daraus folgern die Forscher, dass die Spiellaune der Keas und der dazu passende Ruf ansteckend auf Artgenossen wirken.

Schimpansen lassen sich sogar animieren, indem sie Zeichentrickfilme mit Affen sehen

Diese Erkenntnis ist nicht nur für jene Menschen bedeutsam, die sich für den neuseeländischen Papagei interessieren. Schwings Studie berührt eine viel weiter reichende Frage: Die nach der Entstehung von Empathie, also der Fähigkeit, sich gedanklich in einen anderen hineinzuversetzen, seine Perspektive einzunehmen und dessen Emotionen nachzuempfinden. Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß . . . : Je verschachtelter dieser Satz, umso höher ist der Grad an Empathie. Die benötigt viele kognitive Ressourcen, wie man sie vor allem Primaten und einigen anderen Säugetieren zutraut. Wie aber hat sich in der Evolution die Fähigkeit zur Empathie entwickelt? Wo kommt sie her?

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Um darauf Antworten zu finden, hilft es, quer durchs Tierreich mitreißende Emotionen und Stimmungen wie die Spiellaune sowie ansteckendes Verhalten wie Gähnen zu untersuchen. Beides sei zwar keine Voraussetzung für Empathie, sagt Federica Amici vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Doch beruhten sowohl ansteckendes Verhalten als auch Empathie vermutlich auf dem gleichen, evolutionär weiter zurückreichenden kognitiven Mechanismus.

Unter den Vögeln sind Keas nicht die einzige Art, die sich von Ihresgleichen in Spiellaune versetzen lässt. Auch Raben sind empfänglich für diese Form der emotionalen Ansteckung. Beobachteten sie in einer Studie einen spielenden Artgenossen, begannen sie daraufhin mit größerer Wahrscheinlichkeit ebenfalls herumzualbern. Dabei imitierten die Raben nicht nur, sondern vollführten zum Beispiel lust- und kunstvolle Flugmanöver, wenn sie einen Artgenossen mit einem Gegenstand spielen sahen, berichten Mathias Osvath von der schwedischen Universität Lund und Miriam Sima vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen in ihrer Studie.

Wie bei den Keas scheinen also auch die Raben tatsächlich den emotionalen Zustand ihres Artgenossen und nicht nur dessen Bewegungsmuster zu übernehmen. Bei dem klassischen Beispiel für ansteckendes Verhalten, dem Gähnen, ist das hingegen nicht so klar. Viele Menschen lassen sich von diesem Verhalten schon anstecken, wenn sie nur ans Gähnen denken, darüber lesen oder sprechen. Weniger eindeutig ist jedoch, welche Stimmungen im Einzelfall mit diesem Verhalten einhergehen: manchmal Müdigkeit und Entspannung; viele Tiere gähnen aber auch, wenn sie bedrängt werden oder Schmerzen haben.

Und was geht zum Beispiel in einem gähnenden Wellensittich vor? Was in seinem Artgenossen, der sich - so lautet zumindest die Schlussfolgerung einer entsprechenden Studie - davon anstecken und ebenfalls zum Gähnen motivieren lässt?

Zwischen Wellensittich und Mensch tummeln sich zahlreiche weitere Arten, die gähnen, wenn sie andere dabei beobachten. Ratten zählen dazu, und bei Hunden funktioniert es sogar artübergreifend. Sie lassen sich vom Verhalten eines Menschen anstecken, nicht aber von dem Ihresgleichen. Wölfe hingegen reagieren auf das Gähnen von Artgenossen, vor allem wenn es sich um einen engen Vertrauten handelt. Schimpansen sprechen mitunter sogar auf das Gähnen von Zeichentrick-Artgenossen an. Orang-Utans und Gorillas lassen sich dagegen gar nicht anstecken, hat Federica Amici in einer Studie ermittelt. Für Bonobos ist die Datenlage gemischt, sieht aber insgesamt nicht sehr positiv aus. Ebenfalls zu den Wackelkandidaten zählt das Schaf. In seinem Fall waren die Effekte klein und es ist unklar, ob sie in weiteren Studien überhaupt auftreten würden.

Solche Studien-Replikationen seien jedoch gerade in der Frage des ansteckenden Verhaltens dringend nötig, mahnten kürzlich Rohan Kapitány und Mark Nielsen von der University of Oxford. Bezogen auf die Gähnforschung kritisieren sie, dass viele Forscher ihre Ergebnisse zu voreingenommen auswerteten und die Möglichkeit außen vor ließen, dass ein Tier einfach zufällig kurz nach einem Artgenossen gähne. Diese Kritik greift vor allem, wenn die berücksichtigte Zeitspanne sehr lang ist. Für die Autoren der Wellensittich-Studie zum Beispiel galt ein Gähnen auch dann noch als "angesteckt", wenn es fünf Minuten nach dem "Demo-Gähnen" auftrat. Andere Autoren begrenzen die Zeitspanne auf eine Minute - und kommen allein dadurch zu anderen Ergebnissen. Angesichts der methodischen Mängel müsse man sich fragen, so Kapitány und Nielsen: "Wie ernst sollten wir die Beobachtungen nehmen, dass Gähnen ansteckend ist?"

Wenn auch nicht derart grundsätzlich, so äußert doch zum Beispiel auch der Verhaltenswissenschaftler Frans de Waal Kritik an der Forschung zu ansteckendem Verhalten. Unter anderem seien die Methoden zu divers, als dass sich die Studien unbesorgt miteinander vergleichen ließen.

Ratten reagieren höchst sensibel, wenn Artgenossen gähnen müssen

Dieses Wirrwarr erschwert es, Antworten zu finden auf die Frage, was und wie viel ansteckende Verhaltensweisen oder Emotionen denn nun mit Empathie zu tun haben. Einerseits sprechen für einen engen Zusammenhang Erkenntnisse wie die, wonach autistische Menschen sich kaum vom Gähnen anderer anstecken lassen und umgekehrt Menschen, die in Fragebögen auf hohe Empathiewerte kommen, besonders empfänglich dafür sein sollen. Auch Kinder lassen sich vom Gähnen erst im Alter von fünf oder sechs Jahren anstecken, von einem Zeitpunkt an also, wenn sie auch höhere Formen der Empathie entwickeln. Und in Tierstudien scheinen vertraute Artgenossen oft stärker zum Mitgähnen oder sich kratzen - das ebenfalls oft ansteckend wirkt - zu motivieren als fremde. Doch eben nicht immer. Ratten zum Beispiel reagierten in einer Studie besonders intensiv auf das Gähnen fremder Artgenossen. Und zumindest für Mäuse spielt es keine Rolle, wie gut sie die Maus kennen, die sich da vor ihren Augen das Fell kratzt.

Unabhängig von Empathie, also der Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt des Gegenübers hineinzuversetzen, sei es in jedem Fall für Tiere notwendig, ihr Verhalten mit anderen zu koordinieren, sagt Amici: "Tun, was andere tun, ist entscheidend für das individuelle Überleben. In der Gruppe bewegt man sich gemeinsam fort, und beim Erkunden neuer Nahrungsquellen, will jeder sichergehen, nur Ungefährliches zu sich zu nehmen - also das, was auch alle anderen essen." Sich vom Verhalten der Artgenossen anstecken zu lassen, sei daher von enormem evolutionären Wert - "viel mehr als Empathie", so Amici.

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