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Verhaltensbiologie:Satte Sänger starten später

Kohlmeisen, die sich ihr Futter selbst suchen müssen, singen bereits in der Morgendämmerung. Gefütterte Artgenossen dagegen warten damit bis zum Sonnenaufgang.

Menschen, die Vögel füttern sind besonders tierlieb - vielleicht geht es ihnen aber auch nur um eine ungestörte Nachtruhe. Das zumindest könnte man aus den Beobachtungen schließen, die Verhaltensbiologen von der Universität Basel in der Fachzeitschrift Animal Behaviour (online) veröffentlicht haben:

Futterneid

Kohlmeisen-Männchen, die gefüttert werden, beginnen morgens später zu singen.

(Foto: dpa)

Die Forscher untersuchten den Gesang einer Gruppe von Kohlmeisen-Männchen in einem Waldgebiet bei Oslo, von denen die Hälfte in ihrem Revier zwei Wochen lang mit Vogelfutter versorgt wurde.

Die Selbstversorger zwitscherten in der Dämmerung los, unter anderem, um ihr Revier zu verteidigen. Die gefütterten Männchen verschoben ihre Darbietung im Mittel um 20 Minuten bis zum Sonnenaufgang, sangen aber genauso ausgiebig.

Ältere Studien hatten hingegen gezeigt, dass Singvögel nach kürzeren Fütterperioden früher und länger singen. Bislang wissen die Forscher nicht, warum sich das Füttern so unterschiedlich auswirkt; Theorien gibt es viele. Am ehesten kann sich Studienautor Valentin Amrhein vorstellen, dass nach einer kurzen Fütterphase die zusätzliche Energie zunächst in den Gesang investiert wird.

Später kommen dann soziale Effekte ins Spiel: "Wenn man den Tisch so voll räumt, kommen nach ein paar Tagen auch die Nachbarn", vermutet er. Bei großem Andrang könnte Singen zur Abschreckung nicht mehr viel nützen. Stattdessen könnten die Revierbesitzer, fit vom Futter, Eindringlinge umso besser mit dem Schnabel verjagen.

Die Forscher fragen sich nun, ob das Füttern auch den Fortpflanzungserfolg der Sänger beeinflusst. Weibchen könnten, so spekulieren sie, fremdgehen, weil ihnen der Gesang des Partners fehlt. Vom Füttern rät Amrhein dennoch nicht ab, sagt jedoch: "Wer die Vögel ungestört brüten lassen möchte, sollte gegen Ende März damit aufhören".

© SZ vom 16.12.2010/mcs
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