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Verhältnis von Mensch und Maschine:Die Schuld des Roboters

In einem VW-Werk bei Kassel ist ein Arbeiter durch einen Roboter zu Tode gekommen, natürlich ohne Absicht. Der Unfall sollte dennoch ein Anlass dazu sein, um über die künftigen Beziehungen von Mensch und Maschine nachzudenken.

Von Patrick Illinger

Absicht? Nein, natürlich nicht. Da ist ein Mensch unglücklich mit einer Maschine kollidiert, in der vergangenen Woche im VW-Werk bei Kassel. Ein Arbeitsunfall, wie er immer seltener, aber leider immer noch vorkommt. In diesem Fall war es ein Montageroboter, der sich in Bewegung setzte, während der Arbeiter ihn bedienen wollte. Die Maschine war aus Sicherheitsgründen eingezäunt, leider befand sich der Verunglückte im Käfig und nicht außerhalb.

Ein Unfall, möchte man mit Bedauern sagen. Doch die Schlagzeile "Roboter tötet Arbeiter" macht auch nachdenklich. Noch ist es weitgehend so, dass Industrieroboter programmierte Arbeitsschritte ausführen, hochpräzise, in vieler Hinsicht schneller als der Mensch, aber eben ohne eigene Entscheidungen zu treffen, ohne die Absicht, bestimmte Dinge zu tun. Der Punkt ist dabei: Noch ist das so. Die fehlende Absicht, und eine womöglich daraus resultierende Schuldunfähigkeit, wird in naher Zukunft nicht mehr so eindeutig sein. Angesichts der enormen Fortschritte in Roboterlaboren und auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz ist absehbar, dass Maschinen eine ans Menschliche heranreichende Selbständigkeit erreichen werden. Einen Grad der Entscheidungsfähigkeit, der eine neue, für Roboter, neuronale Netze und Avatare geltende Rechtsprechung nötig macht. Das klingt absurd, ist aber so.

Längst verlassen Roboter ihre Käfige. Und sie werden in Zukunft vermehrt eigenständig Entscheidungen treffen. Selbstfahrende Autos sind nur ein Beispiel. Ein Exoskelett für Gehbehinderte, wie es bei der Fußball-WM in Brasilien vorgeführt wurde, ist ein weiteres. Roboter werden mobil, reagieren auf Situationen. Und sie lernen. Die Fortschritte der künstlichen Intelligenz sind atemraubend. Neuronale Netze, deren Evolution in den vergangenen zwei Dekaden stockte, haben in jüngster Zeit extreme Erfolge erzielt. Algorithmen, die das Geflecht von Neuronen eines Gehirns nachahmen, sind neuerdings in der Lage, besser als jeder Mensch Gesichter zu erkennen. Dass man heute auf beeindruckende Weise Texte in sein Handy diktieren kann, ist ebenfalls ein Symptom dieses Fortschritts in der KI-Forschung.

Bleibt eine Maschine dennoch eine Maschine? Nun, zumindest bewerten wir Menschen die Tat einer Maschine, und sei es ein tödlicher Unfall, anders als die Fehlleistung eines Mitmenschen. Es erscheint absurd, einen Roboter vor Gericht zu stellen. Andersherum wirken menschliche Fehler oft verzeihlicher als das Versagen einer technischen Apparatur. Das ist der Grund, warum selbstfahrende Züge, Autos und Flugzeuge auf Ablehnung stoßen. Man will sich nicht einer Maschine ausliefern, selbst wenn sie statistisch weniger Unfälle produziert. Und dafür gibt es einen guten Grund: So sehr der Maschine die Absicht fehlt, einem Menschen zu schaden, so sehr mangelt es ihr auch an der Absicht, ihren Job gut zu machen. Noch ist das so.

© SZ vom 04.07.2015

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