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Verbesserte Menschen:250 Nahrungsergänzungsmittel täglich

Der 65-jährige Ray Kurzweil behauptet von sich, täglich 250 Nahrungsergänzungsmittel zu schlucken. Er habe damit einen Körper, der sich biologisch auf dem Stand eines 40-Jährigen befinde. Transhumanisten würden noch viel mehr mit sich machen, wenn sie es dürften. "Für die Vision des Transhumanismus ist nicht der Stand der Technik ein Problem", sagt Natasha Vita-More, Vorsitzende von Humanity+. "Das Problem ist die Verteilung - wir möchten, dass jeder Mensch Zugriff auf alle technologischen Möglichkeiten hat, die seine Fähigkeiten verbessern könnten - ohne staatliche Regulierungen."

Genau darin sieht der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Problem. "Die Idee der Gleichheit des Menschen vor dem Recht setzt voraus, dass wir als Menschen etwas gemeinsam haben, das unabhängig von Hautfarbe, Schönheit oder Intelligenz existiert." Würden wir diese Essenz des Menschseins aufgeben, würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Es war Fukuyama, der den Transhumanismus als die gefährlichste Ideologie der Welt bezeichnete.

Vita-More hält dies für Blödsinn. "Wir unterwerfen uns im Westen bestimmten Normen", sagt sie. "Wir sollten die Diversität fördern und es ermöglichen, dass manche Menschen sich weiterentwickeln möchten, andere nicht." Technologien, deren Folgen man nicht abschätzen kann, sollten trotzdem angewandt werden - nur so ließen sich rasch Fortschritte erzielen. Wichtig sei, dass man den Menschen die Entscheidungsfreiheit überlasse.

Reinhard Heil vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am Karlsruher Institut für Technologie bleibt skeptisch, er hält diese Freiheit für eine Pseudo-Freiheit. "Es ist paradox, dass Transhumanisten einerseits eine moralische Pflicht sehen, die von ihnen geförderte Technologien einzusetzen, andererseits aber von Wahlfreiheit sprechen." Es könnte ein gesellschaftlicher Druck entstehen, der es schwierig mache, sich den technologischen Möglichkeiten zu entziehen.

In Deutschland tun sich die Transhumanisten schwer, Anhänger zu finden. Es gibt eine Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus ("De:Trans"), doch in der öffentlichen Debatte um neue Technologien findet sie bislang kaum Beachtung. Natasha Vita-More erklärt sich die Zurückhaltung der Deutschen mit den Erfahrungen des Nationalsozialismus. "Wir sollten uns aber nicht von den Fehlern der Vergangenheit leiten lassen."

Allerdings gibt es auch in den USA Kritiker. Hava Tirosh-Samuelson etwa, Philosophin für jüdische Studien der Arizona State University, hält wenig von der Idee, durch chemische Substanzen Stimmungen zu kontrollieren. Das Glück werde unter dem Einfluss der Gehirnforschung strikt materialistisch betrachtet. Das menschliche Gehirn sei mehr als ein Rechner: ein Teil eines hochkomplexen und integrierten Organismus, zu dem auch das Nerven- und Immunsystem gehören, aber auch der soziokulturelle Kontext. "Glücklichsein darf nicht auf die Funktionen des Körpers reduziert werden." Zum Glück gehörten negative Gedanken, zu einem erfüllten Leben gehörte auch das Wissen um die Sterblichkeit.

Don Ihde, Philosoph an der Stony Brook Universität in New York, unterstellt den Transhumanisten einen Hang zum Extremen: "Brauchen wir mehr Muskelkraft? Größere Brüste, vollere Lippen, straffere Hintern? Einen größeren Penis und bessere Erektionen?" Diese Bedürfnisse hätten bereits dazu geführt, das die Gesellschaft den Beruf des Arztes neu definiere. Ihde vergleicht den Transhumanismus mit dem Glauben an Magie - weil Magie, anders als die gegenwärtigen Chemikalien und Technologien, nicht zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen führe. Im Transhumanismus aber seien nur paradiesische Ergebnisse vorgesehen.

© SZ vom 08.06.2013/mcs
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