Utopien Eisberg voraus in Arabien

Ein Eisberg oder nur eine Fata Morgana am Strand?

(Foto: National Advisor Bureau Limited)

In den Vereinigten Arabischen Emiraten existieren Pläne, Eisberge vor die Küste zu schleppen. Da sei die Frage gestattet: Was soll dieser Irrsinn?

Von Patrick Illinger

Zum täglichen Informationsfluss, der eine Wissenschaftsredaktion auf Trab hält, gehören allerlei Abstrusitäten. So zum Beispiel die häufig zu hörende Verschwörungstheorie, wonach der Bundesnachrichtendienst Menschen mit implantierten Mikrochips ausstatte. Bizarres dieser Qualität quillt natürlich auch aus sämtlichen Öffnungen der modernen digitalen Echokammern. Und oft sind es durchaus vertrauenswürdige Quellen, ja sogar geschätzte Mitmedien, die Abseitiges einer ernst gemeinten Betrachtung zuführen.

Vor einigen Wochen machte ein neuartiges Flughafen-Design die Runde. Irgendein abgedrehter Ingenieur hatte errechnet, dass es die Frequenz der Flugbewegungen erhöhen würde, könnten mehrere Maschinen gleichzeitig starten und landen. Möglich machen sollte dies eine große kreisförmige Startbahn, welche die Flughäfen der Zukunft umringt.

Verkehrsflugzeuge könnten dann gleichzeitig verschiedene Segmente der Bahn benutzen. Direkt vor dem Aufsetzen müssten die Maschinen in Schräglage gehen, den Touchdown auf der leicht geneigten, bogenförmigen Bahn absolvieren und dann wie ein Rennwagen auf einer angewinkelten Teststrecke während des Bremsvorgangs schön die Kurve halten. Man kann sich förmlich vorstellen, dass das Klatschen der erleichterten Passagiere auf solchen Flughäfen erst nach dem Stillstand der Maschine einsetzt. Man muss nicht in Details gehen, wie jenes, dass die Flügelspitzen bei der Landung deutlich stärker in Bodennähe geraten, um zu ahnen, was für ein Quatsch das alles ist. Es wird, so viel Prophetie sei erlaubt, niemals kreisförmige Landebahnen geben.

Doch schon brandet der nächste Irrsinn aus dem Internet heran. Ein überaus geschätzter Kollege vom britischen Guardian wie auch weitere Quellen befassen sich mit einem Vorschlag eines Projektbüros in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dieser sieht vor, mit Schleppern einen riesigen Eisberg aus dem Südpolarmeer vor die Küste der Golfstaaten zu ziehen. Das eisige Monstrum soll dort nicht nur Trinkwasser liefern, sondern auch helfen, die notorisch trockene Wüstenlandschaft der Arabischen Halbinsel zu begrünen. Ein professionell gemachtes Werbefilmchen liefert die entsprechenden Impressionen dazu. Pinguine und Eisbären, in der Natur bisher in verschiedenen Polarregionen der Erde heimisch, flanieren gemeinsam an den Stränden der Emirate.

Emirate on the Rocks? Wer Kunstinseln baut, träumt auch von Pinguinen am Wüstenstrand

Vermutlich muss man sich nicht wundern, wenn in einer Weltgegend, die palmenförmige Kunstinseln und ein 828 Meter hohes Haus hervorgebracht hat, das Burj Khalifa in Dubai, auch über den Import von Eisbergen nachgedacht wird. Zu den gleichzeitig von den Golfstaaten propagierten Nachhaltigkeitszielen passt es allerdings nicht. Es würde Monate dauern, womöglich ein ganzes Jahr, um ein Millionen Tonnen schweres Eispaket rund 10 000 Kilometer weit durch die Weltmeere zu ziehen. Mit dem hierfür verbrauchten Treibstoff ließen sich klassische Entsalzungsanlagen vermutlich jahrelang betreiben.

Tatsächlich ist es nicht nur Größenwahn, der die Golfstaaten zu derartigen Ideen antreibt. Die Wasserversorgung der expandierenden urbanen Gebiete wie Dubai und Abu Dhabi gerät an Grenzen. Dutzende Entsalzungsanlagen arbeiten bereits entlang der kargen Küsten, während die Bewohner im Schnitt fast doppelt so viel Wasser konsumieren wie der Rest der Welt. Dass ein importierter Eisberg hier Linderung verschaffen kann, ist zwar etwas plausibler als kreisförmige Landebahnen, aber nur etwas.