Kommentar Trump kappt das Gehirn seiner Nation

Im März 2017 unterzeichnete US-Präsident Trump ein Dekret, das der Nasa mehr Geld versprach - vor allem für bemannte Raumfahrt.

(Foto: AFP)

Was amerikanische Nobelpreisträger in Rage bringt: Man fragt sie nach ihrem Präsidenten.

Kommentar von Patrick Illinger

Hunderte Wissensdurstige, unter ihnen 580 Jungwissenschaftler aus 89 Ländern kamen in dieser Woche in Lindau zusammen, um gemeinsam mit 39 Nobelpreisträgern über die großen Dinge zu sprechen. In diesem Jahr war die Physik dran: das Universum, zukünftige Teilchenbeschleuniger und Laser. Es ging aber auch um Chancen und Visionen junger Wissenschaftler.

Zu den sympathischen Besonderheiten der seit 1951 stattfindenden, jährlichen Lindauer Nobelpreisträgertagung gehört, dass man nicht nur am Tagungsort, der neu gebauten Inselhalle, auf Nobelpreisträger trifft. Man begegnet ihnen auch in den Gassen des Inselstädtchens und den Cafés an der Hafenpromenade. So ergab es sich, dass zwei berühmte amerikanische Laureaten nach einem Podiumsgespräch über Kosmologie durch das Cramergässchen schritten, wo ein Journalist, der Autor dieser Zeilen, die Gelegenheit sah, den beiden Berühmtheiten eine schnelle Zwischenfrage zu stellen: wie man denn die Raumfahrtpläne der US-Regierung sehe, ob es nicht schlauer sei, statt Mondflügen neue Teleskope und Satelliten zu finanzieren ...

Dass die Wissenschaft mitunter unbequeme Wahrheiten serviert, gehört zum Fortschritt dazu

Weiter ging die Frage nicht. Die Laureaten schnappten nach Luft. Allerdings nicht wegen der Unverfrorenheit des Fragestellers, sondern weil Adrenalin in ihre Blutbahnen schoss. Einer der beiden begann mit den Händen zu fuchteln, aus dem andere platzte es heraus: "Sie müssen verstehen: Unsere aktuelle Regierung hat sich vollständig von der Wissenschaft abgeschottet. Voll-stän-dig." Man finde keinerlei Gehör mehr. "Die Führungspositionen sämtlicher Forschungseinrichtungen werden mit Leuten besetzt, die ihre Aufgabe lediglich darin sehen, dem Präsidenten zu Diensten zu sein." Sogar bei der Nasa? "Überall."

Ganz überraschend war das natürlich nicht. Man ahnte ja, siehe Klimawandel, dass es dem amtierenden US-Präsidenten nicht um wissenschaftliche Realitäten geht. Aber eine derart emotionale Reaktion zweier im Big-Bang-Theory-Bereich tätiger Spitzenforscher gibt doch zu denken. Kann es wirklich sein, dass die Regierung der mächtigsten Nation der Welt jene Triebfeder kappt, die ebendiese Nation so mächtig gemacht hat - die Dominanz in Wissenschaft und Technik?

Dass diese Wissenschaft mitunter unbequeme Wahrheiten serviert, zum Beispiel in Umweltfragen, gehört zum Fortschritt dazu. Wer das zu unterdrücken versucht, verhindert auch Wohlstand, den die Wissenschaft hervorbringt - vom Smartphone bis zum Arzneimittel. Das gilt sogar für jene Kampfjets, mit denen Donald Trump seine Ansprache zum Independence Day schmückte. Das Gehirn der eigenen Nation zu kappen, ist garantiert nicht der Weg zu "Make America great again". Es ist reine Dummheit.

Leserdiskussion Wir bewerten Sie Trumps Verhältnis zur Wissenschaft?

Leserdiskussion

Wir bewerten Sie Trumps Verhältnis zur Wissenschaft?

Amerikanische Nobelpreisträger sind nicht gut zu sprechen auf Präsident Trump. Denn sein Verhältnis zur Wissenschaft ist gestört. Das ist "reine Dummheit" kommentiert SZ-Autor Patrick Illinger.