Süddeutsche Zeitung

Ursprung der Religion:Wo der Kult beginnt

  • Schimpansen zeigen Rituale, deren Sinn sich Wissenschaftlern noch nicht erschließt.
  • Manche werfen mit Steinen auf Bäume, andere zeigen "Regen-" oder "Wasserfall-Tänze".
  • Einige Forscher halten dies für mögliche Hinweise auf den Ursprung von Religiosität.

Von Markus C. Schulte von Drach

Für die meisten Strenggläubigen ist klar: Überirdische Wesen sind in der Vergangenheit auf die eine oder andere Weise in Kontakt mit Menschen getreten, haben sich als Götter offenbart oder - wie viele Mythen besagen - ins Weltgeschehen eingegriffen.

Die alternative Erklärung ist: Religiosität hat sich im Rahmen der Evolution des Menschen entwickelt. Nicht Götter haben den Menschen erschaffen, sondern es war umgekehrt. Irgendwann sind demnach unsere Vorfahren auf die Idee gekommen, dass hinter unbegreiflichen Vorgängen göttliche Mächte stecken. Spätestens seit der Steinzeit vor etwa 120 000 Jahren sprechen jedenfalls Grabbeilagen sowohl bei Neandertalern als auch beim Homo sapiens immerhin für Bestattungsrituale.

Die Ursprünge der Religiosität könnten allerdings auch sehr viel früher in der Evolution liegen - vielleicht sogar vor dem Auftreten der ersten Menschen. Spektakuläre Beobachtungen frei lebender Schimpansen deuten darauf hin, dass unsere nächsten Verwandten bereits Rituale kennen, die zumindest an mehr oder weniger religiös motivierte menschliche Verhaltensweisen erinnern.

Jüngstes Beispiel: Im Dschungel Westafrikas werfen Schimpansen mit Steinen gegen bestimmte Bäumstämme. Mancherorts finden sich dort Steinhaufen, die an gewisse, von Menschen errichtete Schreine an "heiligen Bäumen" erinnern. Das berichtete unlängst eine Gruppe von Primatenforschern im Fachmagazin Scientific Reports.

Erstmals beobachtet wurde das Verhalten 2011 in der Savanne Guineas mit einer Videofalle. Bis 2015 überprüften Wissenschaftler, die im Rahmen des "Pan African Programme (PanAf) die Kultur von Schimpansen erforschen, insgesamt 34 Gebiete. An vier Orten in Guinea, Guinea-Bissau, Liberia und der Elfenbeinküste wurden sie fündig. 64 Mal nahmen ihre Kameras das entsprechende Verhalten auf.

Etliche Männchen, ein Weibchen und ein Jungtier wurden dabei gefilmt, wie sie einen Stein nahmen, sich mit meist gesträubtem Fell aufrichteten und einen Schrei ausstießen. Dann wurde der Stein gegen einen bestimmten Baum geschlagen oder geworfen. Oder das Geschoss landete im hohlen Stamm oder in großen Lücken zwischen den Wurzeln - wo sich die Steine ansammelten. Häufig schlugen die Tiere danach noch mit Händen oder Füßen gegen den Baum.

Von Drohgebärden zum Ritual

Das Verhalten entspricht den ritualisierten Drohgebärden männlicher Schimpansen. Auch das Werfen mit Gegenständen tritt dabei auf. Aber wieso kommen die Tiere immer wieder zu denselben Bäumen zurück, um dann genau diese - und nicht etwa Artgenossen - zu attackieren? Und wieso türmen die Tiere die Geschosse mancherorts zu Steinhaufen auf? Bemerkenswert war auch, dass das Verhalten an Orten auftrat, wo es nur wenige Steine gibt und die Bäume kaum dazu taugen, Krach zu machen.

"Vielleicht müssen die Steinansammlungen in einem eher symbolischen Kontext betrachtet werden", vermuten die Wissenschaftler in ihrem Artikel. Steinhaufen seien von vielen historischen menschlichen Gesellschaften zur Markierung von Grenzen oder Wegen verwendet worden. In Westafrika findet man sogar noch heute von Menschen errichtete Steinhaufen als Schreine an "heiligen" Bäumen. Vordergründig ähnelten diese Steinhügel sehr denen der Schimpansen. Es wäre deshalb interessant, nach Parallelen zu suchen, so die Wissenschaftler.

Ihr Fazit: Vielleicht könnte Verhalten wie das unserer nichtmenschlichen Verwandten helfen, zu verstehen, wie es in der Stammesgeschichte des Menschen zur Bildung von Kultstätten gekommen ist.

Frans de Waal, Schimpansen- und Bonoboforscher an der Emory University in Druid Hills/Atlanta hält eine solche Interpretation für verfrüht. "Ich denke, 'Ritual' ist für das Verhalten ein passendes Wort", sagt er. "Aber Begriffe wie 'heilig', 'religiös' oder 'spirituell' erscheinen angesichts dessen, was wir wissen, übertrieben."

Die Forscher selbst haben eingeräumt, die Reaktion anderer Schimpansen auf das Werfen der Steine müsse noch untersucht werden. Das hält auch de Waal für wichtig: "Ohne Zuschauer wäre das Verhalten noch rätselhafter", sagt er. Wissenschaftler suchten immer nach einer Funktion, die ein Verhalten erklären könnte. "Ohne anerkennendes Publikum kann ich mir beim besten Willen keine vorstellen."

Regen- und Wasserfall-Tänze

Vielleicht geht die Interpretation der Forscher zu weit. Allerdings haben Wissenschaftler bei Schimpansen schon früher Verhalten beschrieben, das zumindest ganz am Anfang der Entwicklung einer Form von Religiosität stehen könnte.

So haben de Waal und andere wiederholt eine Art "Regentanz" beobachtet, bei dem Schimpansenmännchen mit Machtdemonstrationen auf Wolkenbrüche reagierten - gerade so, als würden sie versuchen, die Naturgewalten zu beeinflussen. "Vielleicht", so vermutet de Waal in seinem Buch "Der Mensch, der Bonobo und die zehn Gebote", "hat ein einfacher Zufall, wie zum Beispiel das Nachlassen des Regens während einer Darbietung, unter den Schimpansen zu dem Aberglaube geführt, dass sie den Niederschlag beenden können, wenn sie ihn nur eifrig genug beschwören." Ähnliche Mechanismen führen bekanntlich zur Entstehung von Aberglauben beim Menschen.

Noch weiter ist die Schimpansenforscherin Jane Goodall gegangen, nachdem sie einen rätselhaften "Wasserfall-Tanz" eines Schimpansen beobachtet hatte. Sie hatte den Eindruck, bei dem Tier Gefühle wie Staunen und Ehrfurcht wahrzunehmen. Gefühle, die - wenn Schimpansen sprechen könnten - zu einer Art "früher animistischer Religion werden könnten wie jene, in denen Menschen das Wasser, die Sonne und Elemente, die sie nicht begreifen können, anbeten", so Goodall.

"Wer meint, es sei einfältig und dumm, solche Zusammenhänge herzustellen", schreibt de Waal, "der sollte bedenken, dass kein Zweifel daran besteht, welche Menschenaffen am abergläubischsten sind. Die Schimpansen sind es jedenfalls nicht."

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