Süddeutsche Zeitung

Unwetter in Deutschland:Stürmische Zeiten

Starkregen, Hochwasser und ein Tornado über Hamburg: Extreme Wetterphänomene sind häufig, auch in Deutschland. Doch ist die jüngste Serie noch normal?

Es sei unglaublich, dass niemand verletzt wurde, sagte ein Sprecher der Feuerwehr am Dienstagabend, als das Schlimmste vorbei war. Da hatte der Tornado im Nordosten Hamburgs gerade innerhalb kürzester Zeit Dutzende Alleebäume umgeknickt, Dächer abgedeckt, Satelliten-Antennen ausgerupft wie Grashalme. Zurück blieb eine Schneise der Verwüstung.

Und bei vielen das unbehagliche Gefühl, dass mit dem Wetter etwas nicht mehr stimmt: erst die plötzlichen Überschwemmungen in Süddeutschland, und nun dieser Wahnsinn. Das kann doch nicht normal sein.

20 bis 60 Windhosen im Bundesgebiet pro Jahr

Aber "normal" ist ein Wort, das sich schlecht mit dem Wetter verträgt, zu dem eben auch Extreme gehören - normal oder nicht normal kann nur die Häufigkeit sein, in der sie auftreten. Tornados hat es immer gegeben, nicht nur in den USA, wo sie in manchen Regionen fast zum Alltag gehören. Oder in Großbritannien, wo es zwar eher schwache, aber dafür pro Fläche weltweit die meisten Tornados gibt.

In Deutschland werden laut Deutschem Wetterdienst im Jahr etwa zehn heftige und insgesamt 20 bis 60 Windhosen gezählt, wobei es durchaus einige mehr geben könnte, die nicht registriert werden. Damit ist es kein häufiges Phänomen, aber auch nicht ganz ungewöhnlich.

Nur haben Tornados statistisch gesehen geringe Chancen, ausgerechnet auf eine Großstadt zu treffen, wo die Aufmerksamkeit und der angerichtete Schaden weit größer sind als auf einem Kartoffelacker. Hamburg, das erst vor zehn Jahren von einem Tornado getroffen wurde, hat besonderes Pech gehabt.

Ein Tornado kann auf zwei Arten entstehen: entweder unter einer Schauerwolke, wenn dort Winde unterschiedlicher Richtung aufeinandertreffen. Solche sogenannten Typ-II-Tornados sind meist eher kurzlebig und vergleichsweise schwach.

Gefährlicher wird es, wenn als weitere Zutat eine Superzelle ins Spiel kommt: eine rotierende Gewitterwolke, die schon ganz allein verheerenden Starkregen oder Hagelstürme produzieren kann. Bei bis zu zehn Prozent dieser Superzellen kommen die übrigen Wind- und Wetterverhältnisse so zusammen, dass sich am unteren Rand der Wolke ein rotierender Windrüssel bildet, der bis auf den Boden reichen kann - ein Tornado.

"Man weiß noch nicht ganz genau, warum das manchmal passiert und manchmal nicht", sagt Andreas Friedrich, Tornado-Experte beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Darum sind auch Vorhersagen schwierig. Der DWD hatte zwar am Dienstagvormittag für Schleswig-Holstein und Hamburg eine Tornadowarnung ausgegeben.

Was man tun sollte, wenn ein Tornado auf einen zukommt

Aber um von Satelliten oder dem Wetterradar erfasst zu werden, sind die Wirbel zu klein. Konkret wird die Gefahr daher erst, wenn eine Superzelle oder erste, kurze Rüssel an Wolken gesichtet werden. "Wer einen Tornado auf sich zukommen sieht, sollte versuchen, auszuweichen: mit dem Auto, aber notfalls auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß", sagt Friedrich.

Wenn ein Gebäude in der Nähe ist, sollte man darin Schutz suchen, am besten im Keller oder in einem fensterlosen Raum. "Die meisten Tornado-Verletzten werden nicht vom Wind erfasst, sondern von umherwirbelnden Baumstämmen oder Dachziegeln getroffen", sagt Friedrich.

Die Stärke der Windhosen teilen Meteorologen in die Kategorien F0, mit bis zu 117 Kilometern pro Stunde Windgeschwindigkeit, bis F5 mit mehr als 420 km/h ein. Der Tornado vom Dienstag dürfte mit F1 oder höchstens F2 noch in eine der harmloseren Kategorien fallen, auch wenn das manchem Hamburger nicht so vorgekommen sein mag.

Dafür wurde es im Norden wenigstens anschließend etwas ruhiger, während es in Baden-Württemberg am Mittwoch schon wieder mit Überschwemmungen weiterging. Für Donnerstag warnt der DWD noch vor erneuten Unwettern in Baden-Württemberg und Bayern, erst danach soll sich die Lage vorerst entspannen.

Windhosen werden bisher nicht häufiger - wohl aber Blitze

Aber das nächste Unwetter kommt bestimmt. "Es gibt eindeutige Trends bei den Wetterextremen, wenn man alle Landregionen zusammen betrachtet", sagt der Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar in Kiel. Ziemlich klar ist, dass Starkniederschläge und Dürren mit dem Klimawandel bereits zugenommen haben, der Trend wird sich fortsetzen.

Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung errechneten im vergangenen Jahr, dass inzwischen etwa jeder vierte Rekord-regen in Europa auf den Klimawandel zurückgeht. "Für Gewitter und Tornados ist eine Zunahme schwer nachzuweisen, weil es weniger Daten gibt", sagt Latif. Er hält es aber für naheliegend, dass die Klimaerwärmung sich auch da auswirkt.

Beim DWD sieht man bislang zwar keine Zunahme der Tornado-Häufigkeit, weder international noch in Deutschland. Allerdings deuten Satellitendaten bereits darauf hin, dass Blitze weltweit häufiger werden. Wahrscheinlich ist, dass zwar Gewitter vielleicht nicht unbedingt häufiger, aber heftiger werden, weil mit jedem Grad Erwärmung sieben Prozent mehr Wasserdampf in die Luft gelangen. Das bedeutet zusätzlichen Treibstoff für schwerere Gewitter - und damit auch für zumindest potenziell verheerendere Tornados.

Man tut also gut daran, sich auf extreme Wetterereignisse einzustellen. "Wir müssen ein anderes Bewusstsein für Extremwetter entwickeln: Man sollte die Leute besser warnen, und diese Warnungen müssen dann auch ernst genommen werden", sagt Latif. Er verweist etwa auf den Weather Channel in den USA, auf dem ständig Wetterberichte, Analysen und Unwetterwarnungen laufen.

Allerdings sind auch hierzulande millionenfach Wetter-Apps auf Smartphones installiert, einen Mangel an verfügbarer Information scheint es kaum zu geben. Eher schon könnte es tatsächlich an der Bereitschaft fehlen, auf Warnungen der Wetterdienste auch zu hören - und zum Beispiel bei Sturm eben nicht mehr durch den Wald zu fahren.

Wie schlimm es letztlich wird, hängt von den kommenden Jahren ab: Wenn es bald gelingt, die Treibhausgas-Emissionen in den Griff zu bekommen, sollte das Problem beherrschbar bleiben. Anpassen kann man sich an Wetterextreme schlecht. Gegen sintflutartige Regengüssen oder starke Tornados kann man nichts tun; wenn sie kommen, dann kommen sie.

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SZ vom 09.06.2016/odg
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