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Unkrautvernichter:Fragen und Antworten zum Streit um Glyphosat

Glyphosat tötet alle Pflanzen. Deswegen wird es meist vor der Aussaat versprüht, damit die Nutzpflanzen dann auf den Äckern ungehindert von Unkraut wachsen können.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa, Montage: SZ)

Warum widersprechen sich die Expertengremien beim Thema Glyphosat? Und wie wirkt das Mittel?

Von Hanno Charisius und Kathrin Zinkant

Was ist Glyphosat und wie wirkt es?

Glyphosat ist eine Chemikalie, die recht wahllos Pflanzen tötet, indem sie ein Enzym blockiert. Das Gift wird nur über die Blätter aufgenommen und deshalb vor der Aussaat auf den Äckern versprüht, um Unkraut zu vernichten. Der Bauer spart sich das Pflügen, die Bodenerosion wird vermindert. Glyphosat kann auch kurz vor der Ernte als Reifebeschleuniger eingesetzt werden. Meistens kommt es als Gemisch in den Handel, oft werden Netzmittel hinzugefügt, um die Haftung auf den Blättern zu verbessern. Das Mittel "Roundup" von Monsanto ist so ein Mix. Es gibt gentechnisch veränderte Pflanzen, die eine Glyphosatdusche problemlos aushalten. Sie können jederzeit gespritzt werden. In der EU spielen solche "Roundup ready"-Pflanzen aber derzeit keine Rolle.

Ein Gremium der Weltgesundheitsbehörde WHO hat im Frühjahr 2016 seine Risikoeinschätzung aktualisiert. Fazit des "Joint Meeting for Pesticide Residues": Kein Krebsrisiko für Menschen durch das Herbizid im Essen. Im März des Vorjahres hingegen hatten Krebsforscher der WHO das Herbizid noch als "wahrscheinlich krebserregend im Menschen" eingestuft. Warum hat die WHO ihr Urteil zu Glyphosat geändert?

Das ist ein Missverständnis. Die WHO hat ihr Urteil nicht geändert. Es gibt vielmehr zwei Urteile zu zwei Fragestellungen, für die auch zwei getrennte Expertenteams von der WHO beauftragt wurden. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) beurteilt Stoffe nach ihrem grundsätzlichen Gefahrenpotenzial. Sie sagt zum Beispiel: Rotes Fleisch ist "wahrscheinlich krebserregend". Sie geht aber nicht auf das Risiko ein, mit dem ein Verbraucher konkret zu rechnen hat, wenn er Fleisch isst. Etwa: Ist ein Steak pro Woche riskant - oder eins pro Tag? So ist es auch bei Glyphosat. Die IARC sagt, das Herbizid sei wahrscheinlich krebserregend, und das Joint Meeting for Pesticide Residues (JMPR) schätzt das Risiko für realistische Konzentrationen ein, denen die Menschen etwa durch Rückstände in der Nahrung ausgesetzt sind.

Gefahr, Risiko - wo ist der Unterschied?

Gefahren sind etwas Allgemeines. Bergsteigen ist gefährlich, auch eine Straße kann sehr gefährlich sein. Welches Risiko man auf einer Straße eingeht und ob man besser darauf verzichtet, sie zu überqueren, ist damit aber nicht gesagt. Risikoeinschätzungen erfordern einen Bezug zu den Umständen, also zum Tempo und der Zahl der fahrenden Autos auf der Straße. Genauso ist es mit Glyphosat. Wie rotes Fleisch hat es laut Einschätzung der IARC wahrscheinlich die Fähigkeit, Krebs auszulösen. Unter welchen Umständen das passiert, wie hoch also das Risiko ist, steht a uf einem anderen Blatt. Dafür ist vor allem die Dosis zu beachten. Aus wissenschaftlichen Daten lassen sich Grenzwerte ableiten, die einen sicheren Umgang mit einer Substanz ermöglichen. Das zuletzt oft kritisierte Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat übrigens deutlich strengere Grenzwerte vorgeschlagen als jetzt das JMPR.

Ist Glyphosat also gar nicht ungesund?

Glyphosat bleibt ein Gift. Die Mengen, die man in verschiedenen Getränken wie Bier oder Wein gefunden hat, erhöhen aber nicht das Krebsrisiko. Auch die bislang im Urin von Menschen gefundenen Mengen deuten nicht auf eine Bedrohung hin. Darin sind sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), das BfR in Berlin und eben das JMPR der WHO einig. Eine "widerstreitende wissenschaftliche Bewertung", wie das Umweltministerium noch am Dienstag erklärte, gibt es genauso wenig wie einen "Dissens" innerhalb der WHO, wie Heike Moldenhauer vom BUND behauptet.

Umweltschäden und Alternativen

Aus Südamerika wird von Fehlbildungen berichtet. Wie sind die zu erklären?

Es gibt einige Berichte, aber keine systematischen Untersuchungen, die belegen würden, dass Glyphosat die Ursache für die Fehlbildungen ist. In den Regionen wird meist ein Spektrum weiterer Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Auf Feldern mit gentechnisch veränderten, resistenten Pflanzen wird Glyphosat zudem ganzjährig gespritzt, oft sogar mit Flugzeugen aus der Luft. Es gibt Dörfer, die inmitten solcher Felder liegen und einen Teil der Giftdusche abbekommen. Solche Anwendungen sind in Europa nicht erlaubt. Eine Rolle kann auch spielen, welche Rezepturen in den betroffenen Ländern genutzt werden. Glyphosat kommt immer zusammen mit Hilfsstoffen zum Einsatz, die den Effekt verstärken sollen. Sogenannte Tallowamine helfen dem Hauptwirkstoff zum Beispiel, in die Zellen einzudringen. Diese Stoffe sind in Deutschland nicht mehr zugelassen. Mit unterschiedlichen Rezepturen ließe sich auch erklären, warum aus Südamerika Fehlbildungen gemeldet werden, aus den USA, wo das Pestizid ebenfalls massenhaft eingesetzt wird, aber nicht.

Manche Experten gelten Kritikern als zu industriefreundlich. Wer ist seriös?

Die WHO betont, dass sowohl die Experten der IARC als auch des JMPR handverlesen und auf mögliche Interessenskonflikte hin überprüft wurden. Das JMPR schloss Fachleute aus der Bewertung aus, wenn sie mit den Herstellern der begutachteten Herbizide in Verbindung stehen. Einige Experten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa werden hingegen zu Recht wegen ihrer Nähe zur Industrie kritisiert.

Wie wirkt Glyphosat auf die Umwelt?

Weil das Herbizid alles Grün vernichtet, leiden auch Tiere, Insekten und Mikroorganismen. Ihre Lebensgrundlage wird durch das Mittel zerstört. Dass Glyphosat die Artenvielfalt auf dem Acker dezimiert, ist deshalb unumstritten. Die Schäden sollen durch einen verantwortungsvollen Einsatz so gering wie möglich gehalten werden.

Gibt es Alternativen?

Es gibt kein Mittel auf dem europäischen Markt, das über ein vergleichbares Wirkspektrum verfügt und für ähnliche Anwendungen zugelassen wäre wie Glyphosat. Andere Unkrautmittel wirken zum Beispiel nicht so breit, manche Wildpflanzenarten können ihnen von Natur aus widerstehen. Neben Spritzmitteln gibt es noch mechanische Werkzeuge zur Unkrautbekämpfung: etwa Pflug, Grubber oder Egge.

Was wäre passiert, wenn Glyphosat keine neue Zulassung erhalten hätte?

Wenn Glyphosat keine neue Zulassung für den europäischen Markt erhalten hätte, wäre die erhoffte Wende in der Landwirtschaft schwierig und es für Landwirte teuer geworden. Sie hätten zu den Praktiken zurückkehren müssen, die vor Glyphosat üblich waren: Mehr mechanische Unkrautbekämpfung, die sich einerseits gut auf die Artenvielfalt auf den Äckern auswirkt, andererseits aber auch die Erosion der nährstoffreichen Schichten fördert. Vor allem wären viele Bauern aber auf Gemische anderer Unkrautvernichter umgestiegen, deren Risiken und Gefahren für Mensch und Umwelt noch viel schwerer abzuschätzen sind als bei Glyphosat.

© SZ vom 18.05.2016/fehu
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