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UN zum Artensterben:"Die Bibliothek des Lebens brennt"

Die Vereinten Nationen warnen: Noch bevor er sie entdeckt, zerstört der Mensch viele Arten - zu seinem eigenen Nachteil. Denn auch er hängt in hohem Maße von der Natur ab.

Die Vereinten Nationen haben die Menschheit zum Erhalt der Artenvielfalt gemahnt. "Die Bibliothek des Lebens brennt", sagte Veerle Vandeweerd vom UN-Entwicklungsprogramm am Donnerstag in New York zur Eröffnung des UN-Jahres der Artenvielfalt, das in Deutschland bereits im Januar eingeläutet worden war.

Biodiversität, Schildkröte, Reuters

In den Ozeanen leben fantastische Kreaturen. Diese Meeresschildkröte wurde allerdings zu ihrem Schutz ins Sydney Aquarium gebracht.

(Foto: Foto: Reuters)

"Drei Viertel der Menschheit sind jeden Tag direkt von der Natur abhängig. Dennoch kümmern wir uns um unsere Umwelt nicht und schaden ihr jeden Tag mehr." Ein Beispiel seien die Ozeane, die den weitaus größten Teil der Erdoberfläche ausmachen: "Die Tiefsee ist so gut wie unerforscht. Dort leben fantastische Arten, aber wir töten sie. Noch bevor wir etwas von dieser Welt erfahren können, zerstören wir sie."

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte im Herbst das Jahr 2010 zum "Jahr der Artenvielfalt" ausgerufen. Obwohl die Menschheit auf Tiere und Pflanzen angewiesen sei, seien mittlerweile Tausende Arten vom Aussterben bedroht. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums sind in Deutschland ein Drittel der Tierarten und ein Viertel der Pflanzenarten gefährdet.

Massiver Rückgang der Artenvielfalt

"Der Klimawandel ist schon da. Trotzdem machen wir weiter wie bisher, ja machen es sogar schlimmer", sagte Vandeweerd. Dabei werde kurzsichtig geglaubt, Rücksichtslosigkeit gegenüber der Umwelt sei profitabel. "Genügend Beispiele zeigen, dass das Gegenteil richtig ist. Die Vereinten Nationen wollen diese Beispiele bekanntmachen und Nachahmer unterstützen."

Unterdessen wurde eine neue Untersuchung zum massiven Rückgang der Artenvielfalt auf Ackerböden und in deren Umgebung vorgestellt. Der europaweiten Studie zufolge ist dieser vor allem auf die in der Landwirtschaft eingesetzten Spritzmittel zurückzuführen.

Während auf einem ökologisch bearbeiteten Feld etwa 1000 verschiedene Arten vorkämen, seien es auf einem mit Pestiziden behandelten Acker nur noch etwa halb so viele, sagte Professor Teja Tscharntke von der Universität Göttingen. Der Agrarökologe hat an der Untersuchung in acht west- und osteuropäischen Ländern teilgenommen.

Für die Studie seien 150 Weizenfelder in Deutschland, den Niederlanden, Schweden, Irland, Spanien, Polen, Estland und Frankreich untersucht worden, sagte Tscharntke. Diese Äcker befänden sich in den unterschiedlichsten Regionen, seien verschieden groß und auf unterschiedliche Weise bestellt worden.

Bedrohung durch Spritzmittel

Ziel der Untersuchung sei es gewesen, die Wirkung einzelner Faktoren auf die Vielfalt von Pflanzen und Tieren - vor allem Käfer und bodenbrütende Ackervögel - festzustellen. Das Resultat sei eindeutig, sagte Tscharntke: Der Hauptgrund für die Verringerung der Tier- und Pflanzenvielfalt seien Spritzmittel wie Insektizide oder Fungizide.

Die organische Bewirtschaftung schon einzelner Äcker ohne Pestizide wirke sich positiv auf die Vielfalt der Pflanzen und Laufkäfer aus. Brutvögel dagegen profitierten kaum. Denn ebenso wie viele Säugetiere, Tag-Schmetterlinge oder Bienen bewohnten sie größere Landschaftsbereiche.

Sie seien deshalb auch negativ betroffen, wenn in der Nachbarschaft organisch bewirtschafteter Felder Pestizide eingesetzt werden. Tscharntkes Schlussfolgerung: "Wer Artenvielfalt will, muss auf den Einsatz von Spritzmitteln weitestgehend verzichten".

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