Was zu tun war, haben sie getan. Sie haben Zelte aufgestellt, die mit ihren spitzen Dächern in den Regenhimmel stechen wie viele kleine Zirkuszelte. Sie haben Schotter herangeschafft, der sich in langen Wegen durch das sumpfige UN-Gelände von Nairobi schlängelt.
Sie haben alles hingestellt, was ein Konferenzprovisorium braucht, vom Generator bis zum Dixi-Klo. Nairobi beherbergt die größte internationale Konferenz, die Ostafrika bislang hatte, und die Kenianer haben getan, was sie tun konnten. Mehr war nicht drin.
"Afrika, die Lunge der Welt"
Im Hof einer kleinen Schule am Rande des Versammlungsgeländes steht Grace Akumu und kämpft mit Tränen der Wut. "Ja, ich bin enttäuscht", sagt sie. "Sehr enttäuscht." Akumu geht es so wie vielen afrikanischen Umweltschützern. Sie wollten nicht nur eine Klimakonferenz in Afrika haben, sie wollten vor allem eine für Afrika.
Es sollte einmal nicht nur darum gehen, wie die Industrieländer mit ihren Emissionen umgehen, sondern auch darum, wie arme Länder mit den Folgen der Erderwärmung zurechtkommen sollen. Akumu, die an sich eine resolute Frau vom Umweltbündnis Climate Network Africa ist, bringen die vergangenen Tage völlig aus der Fassung. "Alles, was die afrikanischen Staaten auf den Tisch gelegt haben, haben die Industrieländer weggewischt", sagt sie, "dabei ist Afrika doch die Lunge der Welt!"
Ist das naiv? Muss sie das sagen, weil Umweltschützer dazu da sind, den lahmen Klimaprozess klagend anzutreiben? Seit knapp zwei Wochen sitzen die Delegierten aus 189 Ländern in Zelten und Hallen zusammen, eilen über Schotterwege und verlängern Sitzungen bis in die späte Nacht hinein. Nairobi erlebt den ganz normalen Verhandlungswahnsinn einer Klimakonferenz: Seit der Rio-Konferenz 1992 feilt die Weltgemeinschaft Jahr für Jahr an ihrer Antwort auf den globalen Klimawandel, und jedes Jahr ist das Verfahren noch etwas komplexer und komplizierter geworden.
Das Abkommen ist inzwischen wie ein großes, kafkaeskes Haus, in dem sich nach nunmehr zwölf großen Konferenzen kaum noch jemand auskennt. Nun ginge es darum, ein neues Stockwerk obendrauf zu setzen, es müsste in komplizierten Verhandlungen der Weg für ein neues Abkommen geebnet werden, für die Zeit nach 2012. Ob sich die Staaten aber dazu entschließen, Verhandlungen über ein Nachfolgeabkommen für das bisherige Kyoto-Protokoll aufzunehmen, das wird sich erst an diesem Freitag herausstellen.
Frust und Folklore
Nelly Chepkoskei ist aus ihrem Dorf im Westen Kenias 200 beschwerliche Kilometer nach Nairobi gekommen. Sie soll Kronzeugin sein für das, was jeder Kenianer weiß: "Früher war auf den Regen Verlass, heute kommt er mal so, mal so", sagt die Bäuerin. Vor zehn Jahren habe ihr Acker noch 40 Säcke Mais abgeworfen, heute sind es zehn. Fünf Kinder hat Nelly Chepkoskei. "Ich wünsche ihnen nicht, dass sie das selbe erleben."
An Erkenntnissen herrscht kein Mangel mehr. Und zweifellos, der Verhandlungsprozess über den Klimaschutz ist das größte, was die Menschheit bisher geleistet hat, um zusammen ein gemeinsames Problem anzugehen. Nur geht er eben den steinigen Weg des Völkerrechts. Deshalb reden die Delegierten nicht über zu viel oder zu wenig Regen, über schmelzendes Eis oder steigende Meeresspiegel.
Sie streiten über Nebensätze in ihrer Schlusserklärung und unterhalten sich in einer Sprache, für die es bald ein eigenes Wörterbuch brauchen wird. Die globale Klimakommune sucht nach dem größtmöglichen gemeinsamen Nenner zwischen 189 Staaten, und die Kenianer, so scheint es oft in Nairobi, liefern mit ihren Nationalgerichten und gelegentlich auftretenden Tanzgruppen nur den folkloristischen Rahmen, das gute Gefühl dazu.
Vielleicht aber sind die Erwartungen zu groß. "Ja, schon", sagt Dänemarks Umweltministerin Connie Hedegaard, "wir sehen Fortschritte. Aber kommen wir schnell genug voran?" Es ist nicht ihr erster Klimagipfel. "Eine solche Konferenz", sagt sie, "kann ein frustrierendes Erlebnis sein."
Lange entsprach das Konferenztempo der gefühlten Bedrohung: Der Klimawandel galt zwar als Problem, aber er schien noch weit weg zu sein. Das ist vorbei. Mit den Jahren haben sich die wissenschaftlichen Zweifel verloren, Anhaltspunkte für einen bedrohlichen Wandel finden sich überall auf der Welt. Das Tempo der Konferenzen aber blieb gleich, und die Folge davon ist Verdruss. "Können wir die 6000 Gehirne, die hier zusammengekommen sind, nicht besser nutzen?", fragt der kenianische Umweltschützer Kimunya Mugo. "Muss ich sterben, damit etwas passiert?"
Die Ärmsten zuerst
Dreimal haben afrikanische Umweltgruppen in den vergangenen Tagen eine Pressekonferenz angeboten, weil sie ihre Sicht der Dinge darlegen wollten. Dreimal blieben die Reihen leer. Denn selbst in Nairobi findet Klimapolitik vor allem zwischen den reichen Ländern statt. Sie sind zum größten Teil Schuld an diesem Problem, sie müssen es in den Griff bekommen. Und die Entwicklungsländer können nur hoffen, dass das klappt. Zu den vielen Abhängigkeiten des Südens vom Norden ist noch eine hinzugekommen - nirgends wird das deutlicher als auf dieser Konferenz.
Dabei liegt es in der Natur des Klimawandels, dass er die Ärmsten zuerst erreicht. Wenn sich Wetterextreme häufen, trifft das vor allem jene Länder, die stark von der Landwirtschaft abhängen. Wo es wärmer wird, breitet sich die Malaria schneller aus. Der Kampf um Nahrung, Weidegründe und Wasser wird in Afrika jetzt schon von Jahr zu Jahr härter.
Natürlich gibt es da auch den Willen zu helfen. Ein Extra-Fonds der Kyoto-Staaten soll Entwicklungsländer unterstützen, die Folgen des Klimawandels zu meistern. Aber die Mittel sind dürftig - bis 2012 soll der Fonds auf 300 Millionen Euro anwachsen. Das deckt vielleicht die Verwaltungskosten und noch ein bisschen mehr. Und auch die Vereinten Nationen und viele Entwicklungsbanken versprechen, noch mehr für den Umweltschutz in Afrika tun zu wollen. Aber vieles, was in Nairobi angekündigt wird, klingt nach konventioneller Entwicklungshilfe - nur mit dem Etikett "Klima" versehen.
Dabei zeigt allein das Beispiel Kenia, wie dramatisch sich der Klimawandel schon jetzt in Afrika auswirkt. Im Frühjahr noch hat eine Dürre Millionen Kenianer in Existenznot gebracht. Jetzt sind wieder 80000 Menschen auf der Flucht, diesmal vor dem Regen. Seit gut einer Woche wird Kenias Küste von heftigen Regenfällen heimgesucht, wie sie Ostafrika mit dem Klimaphänomen El Niño seit 1998 immer wieder erlebt. Die Straße zwischen Kenias Hafen Mombasa und Tansanias Küstenmetropole Daressalam ist unpassierbar: Fünf Brücken sind weg, davongespült von den Regenmassen. In einigen Regionen ist die komplette Ernte der Bauern vernichtet worden.
Auch Nairobi versinkt alle paar Stunden im Regen. Dann tropft es in die Zelte, und die Schuhe und Hosenbeine der Delegierten färben sich rostbraun vom Schlamm. An diesem Freitag, vielleicht erst spät in der Nacht, werden sie gemeinsam eine neue, womöglich nur kleine Etappe für den globalen Klimaschutz nehmen. Danach räumen die Kenianer auf, rollen Zelte ein, klauben Schotter zusammen. Und nächste Woche wird alles wieder so sein wie zuvor.