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Umweltverschmutzung:Wo sind all die Schildkröten hin?

Eine frisch geschlüpfte Schildkröte bahnt sich ihren Weg in den Südatlantik.

(Foto: AFP)
  • 61 Prozent der 356 Schildkrötenarten sind akut bedroht oder kurz davor, auszusterben, warnt eine aktuelle Studie.
  • Weltweit spielen die Tiere eine Schlüsselrolle in Ökosystemen.
  • Schildkröten leiden unter Klimawandel, Krankheiten, Umweltverschmutzung, Zerstörung von Lebensräumen und dem übermäßigen Handel mit ihnen.
  • Mittlerweile stirbt jede fünfte Meeresschildkröte, weil sie Plastikteile gefressen hat.

Schildkröten waren zäh genug, um Dinosaurier zu überleben. Doch das Anthropozän, das Zeitalter der Menschen, macht es ihnen schwer. Klimawandel, Krankheiten, Umweltverschmutzung, die Zerstörung von Lebensräumen und der übermäßige Handel mit ihnen als Delikatesse oder Haustier haben Schildkröten teils an den Rand des Aussterbens gebracht. In einer Studie in der Fachzeitschrift BioScience beschreiben vier US-amerikanische Biologen, wie es aktuell um ihre Populationen steht. Die Forscher um Jeffrey E. Lovich vom US Geological Survey kommen zu dem Ergebnis, dass 61 Prozent aller Schildkrötenarten akut bedroht oder fast ausgestorben sind. Damit zählen sie zu den am meisten bedrohten Wirbeltieren der Welt, noch vor Vögeln, Säugetieren, Fischen oder Amphibien.

2012 starb mit "Lonesome George" die letzte Pinta-Riesenschildkröte (Chelonoidis abingdonii). Andere Arten sind so bedroht, dass sie in Gefangenschaft leben müssen, um ausreichend geschützt zu sein. Dazu zählen zum Beispiel die Birmanische Sternschildkröte (Geochelone platynota) oder die Westliche Sumpfschildkröte (Falsche Spitzkopfschildkröte, Pseudemydura umbrina). Sie gehören zu den 25 Schildkrötenarten, die weltweit am stärksten bedroht sind. Werden auch prähistorische Spezies mit einbezogen, existieren heute noch 43 Prozent der ursprünglichen Artenvielfalt von Landschildkröten. Ein Grund dafür ist, dass sie leicht gejagt werden können. Auch für Sammler und Tierhändler sind die langsamen Schildkröten eine begehrte Trophäe.

Von Millionen zu Zehntausenden

In der Karibik schwammen beispielsweise vor 200 Jahren Meeresschildkröten in zweistelliger Millionenhöhe. Heute wird der Bestand auf einige Zehntausend geschätzt.

Aktuell gibt es weltweit noch 356 Schildkrötenarten. Sie alle nehmen Schlüsselfunktionen in gesunden Ökosystemen ein. In Wüsten, Wäldern und Sümpfen bis hin zu Flüssen, Seen und Weltmeeren sind sie zu finden. Wie wichtig sie dort sind, zeigen die Forscher um Jeffrey E. Lovich anhand von Beispielen. Schildkröten sind Jäger, Gärtner, Schädlingsbekämpfer und Nahrungsquelle zugleich. Damit sind sie ein elementarer Teil der Nahrungskette. Sie können Pflanzen-, Fleisch- und Allesfresser sein.

Die Diamantschildkröte zum Beispiel frisst mit Vorliebe die Amerikanische Strandschnecke, die zur Plage ausarten kann. Außerdem sorgen Schildkröten als Aasfresser für eine saubere Umwelt. Drei australische Schildkrötenarten beseitigen täglich an die 430 Tonnen Aas auf einer Fläche von 358 000 Hektar. Pflanzenfressende Schildkröten leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie Pflanzensamen verbreiten. Schildkröteneier sichern zudem das Überleben zahlreicher Tierarten.

Und ob im Sand, Schlamm oder Meeresboden, in all diesen Lebensräumen verbessern Schildkröten durch ihr Graben und Aufwirbeln die Bodenqualität. Die Unechte Karettschildkröte gräbt bis zu 1,5 Meter breite und bis zu einen halben Meter tiefe Löcher, um an Futter zu gelangen. Forscher konnten nachweisen, dass Flora und Fauna davon profitieren. Doch der Einfluss von Meeresschildkröten schwindet. "Die Funktionen, die Meeresschildkröten einnehmen, gehen durch die jahrelange Ausbeutung derzeit stark zurück. Und wir fangen erst jetzt an zu verstehen, welche Konsequenzen das hat", schreiben die Autoren der Studie.

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Während kleinere Schildkrötenarten im Schnitt zwischen 30 und 40 Jahre lang leben, kann die Galápagos-Riesenschildkröte bis zu 200 Jahre alt werden. Doch dieses Alter erreichen nur noch die wenigsten Tiere.

Plastik als Gefahrenquelle

Zu einem der größten Probleme für Meeresschildkröten hat sich Plastik entwickelt. Jede Fünfte stirbt, weil sie ein Plastikteil gefressen hat. Bei 14 verschluckten Teilen steigt das Sterberisiko auf 50 Prozent. Und ab 200 Plastikteilen ist der Tod unausweichlich. Zu diesen Ergebnissen kommen australische Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Scientific Reports. Sie haben Obduktionsberichte und Datensätze von gestrandeten Tieren ausgewertet. Die Plastikteile können stecken bleiben oder innere Verletzungen verursachen. Wissenschaftler schätzen, dass 90 Prozent der Grünen Meeresschildkröten vor der Küste Brasiliens bereits Plastik in sich tragen.

Bei allen anderen Arten gehen die Autoren der Studie von etwa 50 Prozent aus. Sogar etwa 54 Prozent der frisch geschlüpften Tiere tragen bereits Plastik in sich. "Die jungen Tiere suchen sich ihr Futter eher an der Wasseroberfläche und in einigen Fällen in Küstenregionen, in denen mehr Unrat schwimmt oder wo sich Plastik ansammelt", heißt es in der Studie.

Die Forscher um Jeffrey E. Lovich fordern stärkere Schutzmaßnahmen und mahnen an, dass der Rückgang von Schildkröten-Populationen für zu wenig Aufsehen sorgt. Als Gründe dafür vermuten sie unter anderem, dass der lange Lebenszyklus der Tiere und die späte Geschlechtsreife zu wenig beachtet werden.

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